Forget Fear / Filtered by Eisenhüttenstadt

Weblog zu den Aktivitäten der 7. Berlin Biennale 2012 in Eisenhüttenstadt

Category: weitere Projekte

Blütenstand 05.06.2012

by Ben

Mit dem aktuellen kleinen meteorologischen Zwischentief scheint sich auch ein wenig Biennale-Blues einzustellen. Allerdings zu unrecht, denn das Sichtwechsel-Projekt blüht und gedeiht derzeit in der Hauptstadt und zum Ende der Woche finden sich an dieser Stelle hoffentlich einige Impressionen der Abenteuer von Lisa (dem nachdenklichen Mädchen) und Pauline und Franzi (dem Giraffen-Familienglück) in diesem Weblog. Die Geschehnisse im Eisenhüttenstadt zum Termin des 15.06. nehmen auch sukzessive Planungsform an und irgendetwas Leuchtendes wird sich ganz sicher in der Straße der Republik abspielen.

Dass allerdings die Sonnenblume des Nebenprojektes “The Bloom in the System” ihr Gelb pünktlich ins Geschehen werfen wird, scheint derzeit unwahrscheinlich. Dennoch wächst sie grün und munter. Und damit man dieser Aussage auch Glauben schenkt, hier aktuelle Fotografien aus dem Wachstumsraum in der Straße der Republik 37:

Blütenstand Juni 2012

Der Topf mit neuem Untergrund. Bei einer Wanderung durch eines der aktuellen Rückbauareale in Eisenhüttenstadt fand sich bereits ihrer Funktion enthoben an einem denkbar unpassenden Standort eine Gehwegplatte. Und bevor sie von harter Kinderhand erhoben und zersplittert wird, um kleinteilig in um- und brachliegende Fensterfronten einzuschlagen – es gibt genügend Beispiele für solche Wurfexperimente – balancieren wir lieber die Blume unseres Sinnens darauf. Das passt denn auch ganz gut zu dem Ansatz, Kunst mit den Dingen zu produzieren, die die Stadt so bietet.

Sonnenblume / Polaroid

Parallel zum Polaroid beim Mohn gibt es eine schnell ausbleichende Aufnahme auf Impossible-First Flush am Topf zu sehen. Die Fotografie stammt anders als die Darstellung möglicherweise suggeriert nicht aus der Entstehungs- sondern aus der Endzeit des gezeigten Wohnblocks am Fröbelring. Nämlich vom letzten Wochenende. Derzeit wird entkernt, bald sicher entfernt. Ob das Sofortbild allerdings bis dahin bei der intensiven Konfrontation mit hellem Tageslicht noch Konturen behält, ist fast ein bisschen fraglich. Das würde ebenfalls auf eine Art passen, hieß es doch in einer berühmten Werbekampagne aus dem letzten Jahrzehnt: Impossible is nothing. Die gleichnamigen Fotos sind jedenfalls ziemlich empfindlich und neigen zum Verschwinden. Womit sie irgendwie das adäquate Medium zur Auseinandersetzung mit Schrumpfenden Städten darstellen.

(Fotos: bk / Juni 2012)

Neues für die Playlist der Erinnerung. Heute: Depeche Mode aus Brisbane

by Ben

So richtig schien man nach diesem trockenen Mai in Eisenhüttenstadt gar nicht mehr zu wissen, was Regen ist. Nun schwimmen die Straßen pünktlich zum Beginn des Monats Juni ein wenig durch die Nacht und das einzige Automobil, was einem über den Weg kreuzt und tatsächlich einigen plötzlich ins Licht kegelnde Unken gefährlich nah kommt, aber doch hoffentlich erfolgreich nicht über- sondern per Schlenker umfährt, kennt nur ein Ziel: die Playlist-Mailbox, welche es nach einigen Tagen wieder einmal zu leeren gilt. Dieser späte Weg lohnt sich, findet sich doch heute darin eine für das Projekte perfekte Sendung, die es binnen einer guten Woche von Brisbane zum Brunnenring schaffte. Das ist ein durchaus respektabler Wert für Beförderungsleistungen von traditionellen Poststücken quer über den Planeten. Und ein heller Streif am Klanghorizont des Playlist-Projektes, an den sich die Hoffnung festgeklammert findet, dass doch noch Einiges an Material für die Playlist zusammenkommt.

Die popmusikalische Verbindung der Stadt wird übrigens durch einen Titel einer Band hergestellt, deren Name in der Kurzform De-Mo auch für eines der frühesten Graffitis der Stadt herhalten musste und die so populär war, dass man sich mit Bravo-Postern der Gruppe auf den Schulhöfen ein kleines Vermögen (in Mark der DDR) zusammen verschwarzmarkten konnte. Allerdings ist Walking in my Shoes chronologisch ein Nachwendeprodukt zu dem niemand Geringeres als Anton Corbijn das Musikvideo beisteuerte. Und wer das aus welchen Gründen auch immer nicht mögen sollte, bekommt bei YouTube eine späte Performance des Songs in einer britischen Fernsehsendung zur Ansicht.

Post aus Australien

Card Only – Wem auch immer diese Botschaft gilt, als Relativierung des Wertes dieser Einsendung wäre sie gänzlich unangebracht. Denn genau dieses “Nur eine Karte” charakterisiert ja das Projekt. Wenn alle, die Eisenhüttenstadt verließen, “nur” eine solche beisteuerten, könnten die Playlist nahezu ewig laufen. Im Universum des 01.06.2012 langt es immerhin für eine halbe Stunde durchweg hörenswerter Stücke. Wobei uns die Tatsache, dass jemand aus Australien gern an Eisenhüttenstadt zurückdenkt, nur fröhlich stimmen kann. Und uns ein Album aus dem Regal nehmen lässt, dass bestimmt fünfzehn Jahre nicht mehr durch den CD-Spieler rotierte. Aber nur weil jemand immer viel zu sehr auf “Some Great Reward” bestand. Da gibt es keinen Anlass zur Empörung. Wissen wir doch: People are nur people

Blütenstand 22.05.2012

by Ben

Noch am Abend zeigte die Temperaturanzeige in der Lindenallee von Eisenhüttenstadt satte 32 Grad, ein paar Tauben badeten fröhlich im ansonsten unbevölkerten Sprudelbecken vor dem Schokoladenladen, irgendwo wartete eine Bürgermeisterin an der Ampel und über dem Zentralen Platz lag eine wüstenluftige Glocke, die aus den Rabatten mit den Stiefmütterchen kleine, mit buntstiftlassen Trockenblättern garnierte Steppenstreifen macht. Auch der Island-Mohn des Projektes Das Blühen im System im Biennale-Lokal lässt die Blätter ziemlich erschöpft hängen, aber da er heute einer Mineralwasserdusche mit Chateldon 1650 erfuhr, blüht wenigstens die Hoffnung auf ein Durchhalten bzw. ein sonnenkönigliches Wiedererblühen .

Die Sonnenblume bleibt dagegen stabil auf Wachstumskurs und ist mit konzentriertem Blick nun auch bereits durch die Schaufensterscheibe erahnbar.  Nachfolgend nun die Bilddokumente des Tages:

Blütenstand The Bloom in the System 22.05.2012

Blütenstand The Bloom in the System 22.05.2012

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Blütenstand The Bloom in the System 22.05.2012

Blütenstand The Bloom in the System 22.05.2012

(bk / Mai 2012)

Fast wie eine Postkarte aus Berlin: Eine Notiz zu Nada Prljas Peace Wall in der Friedrichstraße

by Ben

Heute war es dann endlich soweit und dieses Weblog erhielt seinen ersten Zugriff vom afrikanischen Kontinent. Damit sind wir kontinental-global vollerschlossen. Blicken wir auf die Ländertabelle, hat unsere Karte freilich noch genug weiße Flecken. (Wo sind die Zugriffe aus Uruguay? Wer ruft die Seite aus dem Jemen auf?) Vielleicht bringen wir zum Abschluss des Blogs einmal eine ausführlichere Auswertung. Lieber würden wir allerdings die Aufmerksamkeit anhand von Postkarten visualisieren, die uns für das Projekt der Playlist der Erinnerung an Eisenhüttenstadt erreichten. Wenn nur jeder zweite Aufruf der Projektbeschreibung eine Karte nach sich zöge, hätten wir schon einen komplettes Samstagnacht-Diskotheker-Set zusammen. Bislang jedoch reicht es höchstens für das Vorglühen. Obschon die Zustellung der Sendungen offensichtlich postalisch funktioniert, traf jedenfalls diese Woche noch kein neues Listenmaterial ein. Geduld bleibt zwangsläufig das Gebot der Stunde.

In der Zwischenzeit richten wir den Blick eben auf etwas anderes. Beispielsweise auf die Peace Wall, die die Künstlerin Nada Prlja in die Friedrichstraße stellte und zwar dort, wo man schon ein halbes Dutzend Kreuzungen von der Lagerfeld-Couture entfernt ganz nah an der Arbeitsagentur Mitte zu KiK gehen kann. Und wo die Männer statt einer Polopferdchen-Applikation unverblümte Botschaften à la “Blowjob is better than no Job” auf ihren Trikots zur Schau stellen. Und zwar in Neongrün auf Schwarz. (Leider wirklich so gesehen.) Direkt am Besselpark, in dem die soziale Durchmischung in der Mittelzone der Gesellschaft eigentlich gut funktioniert, da sich dort die hemdsärmelige Journalisten aus den naheliegenden Zeitungsredaktionen genauso zur Mittagspause treffen, wo auch T-Shirtliche Pfandsammler, gut gelaunte Anwohner gern auch mal ohne Oberbekleidung und Sommerkleid umhüllte Mitarbeiterinnen der Arbeitsagentur im Schatten halbhoher Bäume mit dem wenigstens beim heutigen Wetter selben Bedürfnis zusammenfinden: ins Freie ja, aber bitte mit Schatten. Die mittlerweile fast auch ein bisschen Unfriedenswand zu nennende Installation eignet sich dagegen kaum als Sonnenschutz. Da wir aber ein Foto haben, sehen wir immerhin die Eignung zur Dokumentation:

Peace Wall

Stop in the Name of Art. Zweifellos ist das Versperren einer Straße unweit des Checkpoint Charlie mit einer nicht allzu aufwendigen Mauer neben aller Gentrifizierungskritik auch etwas Vorschlaghammerartiges. Und selbstverständlich ist es Unsinn, zu behaupten, dass es sich beim sozialen Gefälle diesen Teil der Friedrichstraße hinunter um eine „unsichtbare Teilung” handelt. Der Cut ist vielmehr höchst augenfällig, sofern man offenen Auges die Strecke abschreitet. Bereits die Architektur manifestiert, dass hier eine Art stadträumliche Grenze überquert werden kann. Nun hat man mit Stoppschild und ironischerweise zur schicken Seite hin stilsicherer Schwarzwand (von der Südseite glänzt die Wand in grauem Favelawellblech) noch einmal einen Balken in die Wahrnehmung gesetzt, der die Situation in eine Unignorierbarkeit auch für die blindesten Passanten überhöht. Das Ergebnis ist naturgemäß weder ästhetisch subtil noch in der Idee sonderlich raffiniert und auch nicht an sich subversiv. Als Störung allerdings ist es hochwirksam, wie nicht zuletzt die Debatte in der Presse zeigt. Und die Kuratorin Joanna Warsza brachte es ja im Vorabinterview mit der Zeitschrift Monopol auf die einfache Formel des Erwartbaren: “Unsere Biennale wird sicher viel Ärger und auch Wut auslösen.” Hier ist die Mission erfüllt. (Foto: bk / 22.05.2012)

Die Raupen im Programm

by Ben

Mitunter fügt sich die Welt gar zu eigenartig. So schrieb ich jüngst davon, die Blütenkammer im Eisenhüttenstädter Biennale-Lokal in der Straße der Republik mit Schmetterlingen nicht bewusst anzureichern, da dies erstens schwierig, zweitens nicht sehr tierfreundlich und drittens zu aufgesetzt im Bezug auf Damien Hirst und diese Arbeit erschiene. Freiwillig zufliegende Schmetterlinge würden allerdings selbstredend geduldet, auch wenn bei den Pflanzen im Raum derzeit eher wenige Blütenstäubchen zu holen wären.

Nicht überlegt hatte ich mir den Umgang mit Raupen und daher war ich leicht gefordert, als sich am Samstag und am Sonntag jeweils eine solche in dem einen Fall un- und in dem anderen doch sehr auffällig in meinen Blick raupte.

Auf den Diehloer Bergen (hier eine Perspektive von der Höhe) nahe der Sprungschanze schlich sich ein Exemplar erst auf die Kameratasche und dann während eines Telefonats sogar in selbige, so dass es mehr oder minder gezwungenermaßen in fotooptischer Umgebung übernachtete.

Und kaum war es zurück in die Natur gesetzt, fand sich nach einer Schussfahrt durch die Straße der Republik ein noch beeindruckenderes Exemplar zunächst auf der Frontscheibe, später kurz auf meinem lokalen Arbeitstisch und schließlich, wie leicht an plötzlich überbordender Agilität ersichtlich wurde, begeistert auf einer lokalen Brennnesselpflanze.

Trotz also aller Bemühungen der Tierchen, sich in die Biennale einzuschleichen, schied die Option, mit ihnen in The Bloom in the System doch noch eine Art In and Out of Love anzuhirsten, vor allem aus futterpflanzlichen Gründen aus. Was mich aber durchaus nicht kalt lässt, ist die Tatsache, dass das Lepidopteroversum anscheinend dieses Weblog liest und somit mich in der Weise unterstützt, wie es ihm halt möglich ist.

Selbstverständlich muss man darauf achten, dass man bei der Interpretation der Zeichen und Symbole auf den Wege in dieser Stadt nicht zu weit geht. Wenn der Anspruch aber lautet, mit dem zu arbeiten, was einem der Aufenthalt in Eisenhüttenstadt Tag für Tag zuspielt, dann komme ich um diese Begegnungen schlicht nicht herum.

Die Raupe am Samstag

Die Raupe am Samstag: Klein und auf einem Gartenbild vom Nachmittag abgelegt suchte das winzige Wesen nicht den Salat sondern eine Orientierung. Die gab es aber erst am nächsten Tag getreu dem klassischen Motto des Zurück zur Natur.

Die Raupe am Sonntag

Die Raupe am Sonntag und das auch noch furchtlos an der Kante. Die Haarigkeit (hier auf einem Gartenbild vom Sonntag) in Kombination mit der raupentypischen Bewegung lässt dem Betrachter durchaus etwas Frühsommerliches ins Herz wehen. Und erkennen, wie eine andere Welt jenseits seiner Welt unglaublich differenziert und austariert ist.

(bk, 20.05.2012 / Fotos: bk)

Blütenstand 18. Mai 2012

by Ben

Blütenstand 18.Mai 2012

Blütenstand 18.Mai 2012 / Das Blühen im System

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Blütenstand 18.Mai 2012

Blütenstand 18.Mai 2012

(Fotos: bk)

Über Stalker und die Rewindabilty des Lebens

by Ben

Dass das Lokal der Berlin Biennale in Eisenhüttenstadt vor allem als Zone bzw. Zona der Möglichkeiten aufscheint, in der es irgendwo wo einen Raum gibt, in dem etwas Fantastisches mit der eigenen Innerlichkeit geschehen kann, nämlich dass man plötzlich mehr irgendwie als irgendwo vor einer Машина желаний steht, deren Zahnrädchen und Kurbelwellen aber nur in einem selbst in Bewegung gesetzt werden können, bedeutet nicht, dass es nicht generell beobachtet wird. Ob diese Beobachter nun gleich Geoff Dyer folgen, wenn dieser in seinem Tarkovsky-Buch mit dem treffend traumwandlerischen Titel Zona: A Book About a Film About a Journey to a Room (New York: 2012) schreibt

„in any magical realm there is always some deeper recess or chamber of more powerful magic” (S.76)

hängt ganz davon ab, ob sie bereit sind die Prämisse zu akzeptieren, die sich im Raum von The Bloom in the System klein und grün bzw. üppig und weiß entfaltet.

Die beiden mittelalten Herren des heutigen Nachmittags schauten jedenfalls mit großer Spannung durch die  staubtrübe Schaufensterscheibe und nach dem ich mich fotografisch als hochinteressierter Stalker ausgelebt hatte (sh. nachfolgende Aufnahme) wollte ich mich gern auch als ein im Tarkovsky’scher Stalker verdingen. Allerdings wandten sich die Herren zunächst einmal vom Fenster zur Straße und damit etwas ab.

Dennoch entstand ein kurzes Gespräch, wobei ihr Hauptinteresse der Frage galt, aus welchem Jahr das den Pflanzen zur Seite gestellte Polaroid (hier rechts im Bild) stammt, das den Bezug der Stadtwahrnehmung im Sinne einer Auseinandersetzung
– mit dem permanenten Werden (Sofortbild vom Mai 2012, die Stadt beobachtende Kinder) bei
– gleichzeitig präsentem Verlust (buchstäblich das letzte Polaroid-Foto aus Originalproduktion, das ich noch hatte),
– Scheitern (der unbebaute Zentrale Platz) und
– Vergehen (das verfallende Gebäude des ehemaligen Hotel Lunik)
herstellen soll.

Und passend zu dieser so gut wie ausgestorbenen Form der Fotografie meinten sie, nachdem sie die Antwort erfuhren, dass ihnen ein viel älteres Datum plausibler erschienen wäre. Nun denn, so ist es auch gut und mit einem freundlichen Adé nahmen sie ihr Grillgut vom benachbarten Imbiss und ich nahm meine Kamera für die Suche nach einer roten Mohnblume, dieser magischen Blüte der tiefen frühen Sommer, und unsere Wege gabelten sich.

The Bloom in the System / Betrachter

The Bloom in the System und ihr Betrachter. Die Sonnenblume leistet Tag für Tag Millimeterarbeit, aber es wird wohl noch eine Woche dauern, bis sie den Rand ihres Topfes überblickt. Der Island-Mohn steht derweil in kräftiger Blüte und hat auch noch eine Handvoll Knospen für die nächsten Tage.

In Addition zum bisherigen Bestand findet sich seit heute an der Rückwand dieses Raum 2 eine weitere Botschaft, deren Bedeutung möglicherweise den Kern tatsächlich für ein “more powerful magic” birgt. Jedenfalls, wenn man der Prämisse folgt, dass das Magische immer auch ein magisches Denken ist, ein Ausgehen von einem Bedeutungsimpuls und einem offenen Erkunden all dessen, was daraus sich zu ergeben möglich ist. Wer es noch nicht ahnt, dem sei versichert, dass das  jedenfalls das Verfahren ist, mit dem ich mich durch die schöpferischen Augenblicke meiner Tage schaufle, grabe und labyrinthe.

rewind

„We can’t rewind..” – das wusste schon das Duo Buggles in ihrem Jahrhunderttitel „Video killed the Radio Star” zu berichten. Kommt die Aussage dann als Aper­çu vom Videokünstler (um nicht zu sagen Videokunststar) Nam June Paik, erhält sie noch zusätzliches Gewicht. Andererseits zeigt The Bloom in the System, dass das Leben an sich problemlos auf einen Rücklaufknopf verzichten kann. Dort wo es um reine Reproduktion geht, beispielsweise in der Welt der Sonnenblume, läuft erfahrungsgemäß alles wie von selbst in unermüdlichen Wiederholungsschleifen bis eines Tages die Maschine stottert, also die Umweltbedingungen eine Wiederholung nicht mehr hergeben. Dann rettet vielleicht die Variation. Vielleicht nichts. Die eigentlich spannende Dimension in unserem Zusammenhang liegt folglich nicht im biologischen, sondern im sinnhaften Leben. Denn erst wenn wir etwas individualisieren und mit Bedeutung versehen, kommt es auch darauf an, dass es vergeht. Was am Verlust schmerzt, ist das Verlieren des Einzigartigen, nicht das des Wiederholbaren. Dass etwas einzigartig ist, ergibt sich aus dem aus lange Sicht ziemlich sicheren Verlust. Auf dieser Ebene kann sogar eine Sonnenblume ganz einzigartig sein. Dass wir selbst früher oder später verloren gehen, ist der Preis dafür – nicht zu hoch, nicht zu gering, sondern schlicht unverhandelbar. Insofern ist die zitierte Aussage fast weniger ein Aper­çu als ein Verum. (Offen bleibt übrigens die Frage, weshalb wir, wenn wir schon wissen, dass es keinen Rewind-Knopf gibt, uns den Tag ganz gern mit Fast-Forward-Schaltflächen zu füllen suchen…)

(bk, 17.05.2012 / Fotos: bk)

Blütenstand 16. Mai 2012

by Ben

Das Objekt in der Straße der Republik 37 ist zugegeben nach wie vor mehr ein Ruheraum. Und doch bewegt sich etwas, auch wenn man es von außen kaum sieht. Eine halbe Woche nach dem Einpflanzen wird sichtbar, wie die Sonnenblume des Nebenprojektes The Bloom in the System noch zaghaft aber zielstrebig ans Licht drängt. Der weiße Mohn entfaltet gleichfalls nach und nach Blüte um Blüte. Insofern läuft alles nach Plan (dem des Projektes) und Plan (dem der Natur). Weitere Zwischenstände folgen.

(Zwischendurch entstand die Idee, in einer Referenz auf Damien Hirsts In and Out of Love (1991) einige Schmetterlinge und Obstschalen in den Raum 2 des lokalen Berlin Biennale-Lokals zu bringen. Das wäre aber der inneren Bedeutungsschleifen eine zuviel. Im Gegensatz zu Damien Hirst werden wir diese Entscheidung den Schmetterlingen der Stadt und ihrem Flugverhalten überlassen. Sollten sie sich bei offener Tür in diesen Raum verirren und bleiben wollen, wird ein Schälchen Obst bereit stehen.)

Blütenstand 16.05.2012

Blütenstand The Bloom in the System / Das Blühen im System 16.05.2012 (Foto: bk)

Projekt: Playlist der Erinnerung an Eisenhüttenstadt

by Ben

Eisenhüttenstadt ist in erstaunlicher Konsequenz ein Ort der Migration. Denn da es sich um eine Planstadt der 1950er Jahre handelt, wurzelt jeder Familienstammbaum der Stadt zwangsläufig und rekonstruierbar in einem konkret benennbaren Zuwanderungsgeschehen. Spätestens die Großeltern sind in der Regel von einem anderen Ende der Republik zugezogen. Manche sogar von einem anderen Ende der Welt.

Überwog bis Ende der 1980er Jahre der Zuzug, wurde Eisenhüttenstadt seit 1990 eine Hochburg des Abwanderns. Oft sind es die Kinder oder Enkel der Zugewanderten, die die Stadt verlassen. Ihnen bleibt unvermeidlich (wenn auch mitunter verdrängt) die biografische Verortung in einer Eisenhüttenstadt der persönlichen Erinnerung.

Das Projekt setzt an dieser Stelle an: Menschen, die Eisenhüttenstadt verlassen haben, sind aufgefordert bis zum 12. Juni 2012 an die Außenstelle der Berlin Biennale in Eisenhüttenstadt

a) eine Ansichtskarte von ihrem derzeitigen Wohnort

einzuschicken auf der sie

b) den Titel eines Liedes bzw. Musikstücks (mit Interpreten) vermerken, welches sie mit persönlich mit ihrer Lebenszeit in Eisenhüttenstadt verbinden. (Falls möglich, wäre es schön, wenn zusätzlich ein konkreter Ort in der Stadt, an den man sich durch die Musik erinnert fühlt, benannt wird (Leninallee, Wohnkomplex III, Schule VII, Freilichtbühne, etc. …)

Das Lied bzw. Musikstück muss abgesehen von dieser persönlichen Erinnerung nichts mit der Stadt selbst zu tun haben.

Die Ansichtskarten werden als eine Art Kartierung der Abwanderung zu einer Emigrations-Landkarte zusammengefügt. Die eingeschickten Titel werden zu einer Playlist zusammengestellt und nach Möglichkeit von einem lokalen DJ als Begleitsoundtrack der Präsentation am 15. Juni gespielt. Vielleicht werden die Lieder auch auf einer Stadtführung an den Orten gespielt, mit denen sie verbunden sind. Was genau geschieht, hängt auch von den Einsendungen ab.

In jedem Fall wird die Playlist der Erinnerung im Internet dokumentiert.

Laufzeit des Projektes ist vom 13.05.2012 bis zum 12.06.2012.

Die Ansichtskarten sollten an die für die Projektlaufzeit genutzte Gästewohnung der Satelliten-Residenz adressiert werden:

Playlist 
Berlin Biennale / Gäste-WE
Brunnenring 2
15890 Eisenhüttenstadt.
(Germany)

Wir danken für jede Zusendung! Weiteres zu den Fortschritten des Projekts folgt an dieser Stelle.

Straße der Republik 13

Haus (fast) ohne Mieter: Auch wenn die konkreten Gründe für den Auszug in der Straße der Republik 13 andere sein mögen, als die Massenabwanderung, so ist doch die Wohnraumverdichtung in Eisenhüttenstadt eine direkte Folge des Bevölkerungsrückgangs. Und da die Aktion auf Eisenhüttenstadt als Erinnerungsort ausgerichtet ist, dürfen natürlich auch alle den Song ihrer Erinnerung einschicken, die innerhalb der Stadt in der Folge des Stadtumbaus umziehen mussten. Welche Musik verbindet man beispielsweise also mit der Lebenszeit in diesem Aufgang? (Foto: bk, Mai 2012)

Nebenprojekt: The Bloom in the System / Das Blühen im System

by Ben

Vorbemerkung:

Veranstaltungen wie die Berlin Biennale und selbstverständlich auch Kunst an sich sind Phänomene der Kommunikation. Kunst wird in dieser Form zum Möglichkeitsraum eines Dialogs, einer Verständigung und auch selbstverständlich auch zur Gefahr eines Missverstehens gerade durch Aussprechen und -deuten.

In der Möglichkeit steht grundsätzlich die Frage, vielleicht sogar die Pflicht zum Hinterfragen. Zugleich erschließt sich Sinn nur durch Annahme, durch Affirmation und Bejahung.

Das nachfolgend skizzierte Nebenprojekt stellt eine Auseinandersetzung mit einem solchen Spannungsverhältnis dar. Die Basisnote ist denkbar schlicht: Samenkörnchen, etwas Erde, ein Gefäß, ein Kännchen Wasser. Die ganze Stadt Eisenhüttenstadt ist in diesen Monaten erfüllt von Pflanzaktivitäten. Zugleich findet sich hinter – gefühlt – jedem Fenster eine wuchernde Grünpflanze, die zugleich als Brücke und Grenze zwischen den Innen- und den Freiräumen der Stadt wirkt. Die Grundidee korrespondiert demnach mit dem vielleicht selbstverständlichsten Element der lokalen Alltagskultur.

Die Kopfnote ist eine Idee. Auf einer Metaebene erwächst im Wechselspiel von Basis und Idee als neue Frage, was in diesem Wechselspiel von einem einfachst möglichem Grund und der mit jeder Überlegung komplexer werdenden Bedeutung möglich wird, was denkbar und was sichtbar wird, in welchem Verhältnis Sichtbar- und Denkbarkeit stehen können und wo und wie sich in diesem Prozess Übergänge und Trennlinien wie von selbst ergeben.

Was auch gezeigt wird: Man benötigt nicht viel, um in dieses unabschließbare Spiel der Bedeutungen einzusteigen. Außer der Bereitschaft, sich darauf einzulassen.

(bk, Eisenhüttenstadt, 13.05.2012)

……………………………….The Bloom in the System / Das Blühen im System……………………………….

An einer Stelle in David Foster Wallace‘ erstem Roman „The Broom in the System“ findet sich die titelgebende Besen-Passage, mit der der Autor durch die Frage nach der Möglichkeit von Bedeutung fegte:

„…that, to repeat what I heard for years and years and suspect you’ve been hearing over and over, yourself, something’s meaning is nothing more or less than its function. Et cetera et cetera et cetera. Has she done the thing with the broom with you? No? What does she use now? No. What she did with me–I must have been eight, or twelve, who remembers–was to sit me down in the kitchen and take a straw broom and start furiously sweeping the floor, and she asked me which part of the broom was more elemental, more fundamental, in my opinion, the bristles or the handle. The bristles or the handle. And I hemmed and hawed, and she swept more and more violently, and I got nervous, and finally when I said I supposed the bristles, because you could after a fashion sweep without the handle, by just holding on to the bristles, but couldn’t sweep with just the handle, she tackled me, and knocked me out of my chair, and yelled into my ear something like, ’Aha, that’s because you want to sweep with the broom, isn’t it? It’s because of what you want the broom for, isn’t it?’ Et cetera. And that if what we wanted a broom for was to break windows, then the handle was clearly the fundamental essence of the broom, and she illustrated with the kitchen window, and a crowd of the domestics gathered; but that if we wanted the broom to sweep with, see for example the broken glass, sweep sweep, the bristles were the thing’s essence. No? What now, then? With pencils? No matter. Meaning as fundamentalness. Fundamentalness as use. Meaning as use. Meaning as fundamentalness.”

In einem floralen Mikro-Projekt wird die darin enthaltene pragmatische Grundidee aufgegriffen und die Frage „The bristles or the handle?“ neu gestellt. Diesmal ist sie statt auf Besen auf Blumen bezogen. Und statt auf Handlungszweck und Nutzen auf Wahrnehmung und Bewertung: Was ist das Essentielle einer Blume: Die Blüte oder der Sprossachse? (the blossom or the stem?) Beziehungsweise abstrakter: das farbenfrohe Leuchten oder der eher monochrome Weg, der dieses hervorbringt? Was fokussieren wir, wenn wir das Werk betrachten und was, wenn wir die Werkerzeugung in den Blick nehmen?

Da die möglichen Antworten von der jeweiligen Perspektivität geprägt werden, verfolgt das Projekt den denkbar zurückhaltend konzentrierten Ansatz, am lebenden Beispiel einen solchen Gedankengang über die Metaebene auch der Bewertung von Kunst, Werk, Werken und Wirkung anzuregen.

1)      Begleitend zur Laufzeit der Berlin Biennale wird also in der Zweigstelle in Eisenhüttenstadt in der Straße der Republik 37 eine Sonnenblume heranwachsen und hoffentlich erblühen. Am 12.05. wurde der Kern gesteckt.

2)      Zusätzlich wurden und werden weitere Sonnenblumenkerne im Stadtraum als Zeichen dafür verteilt, dass sich Bedeutung, wenn ihr ein Raum einmal eröffnet wurde, nur schwer kontrollieren lässt. Damit verbunden steht die Frage, unter welchen Bedingungen sich Bedeutungen durchsetzen bzw. überleben.

3)      Als Gegenpol zur Einzelbedeutung steht eine Staude weißblühender Island-Mohn (Papaver nudicaule) bereits in Blüte im Raum der Zweigstelle. In ihrer wuchernden Fülle kontrastiert sie die (hoffentlich) geradlinig zur Blüte strebende Sonnenblume. Sie steht für das, was bereits vorliegt und was dabei stetigen Transformationen unterworfen ist, sie drückt  das Nebeneinander von Er- und Verblühen aus. Die aus der Präsenz des Mohns (und seiner Blütenfarbe) ableitbare Assoziationskorona erweist sich zudem als unendlich. Jedenfalls, wenn man für sich annimmt: „[…] wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis […]“.

+ „Es ist Zeit.“

a)

Die einzelnen Teile

die einzelnen Teile

b)

Die Erde

die Erde

c)

Das Gefäß

das Gefäß

d)

Die Auswahl

die Auswahl

e)

Der Samen

der Samen

f)

Das Wasser

das Wasser

e)

Der Raum

der Raum

f)

Der Mohn

die Mohnblüte