Forget Fear / Filtered by Eisenhüttenstadt

Weblog zu den Aktivitäten der 7. Berlin Biennale 2012 in Eisenhüttenstadt

Category: Eisenhüttenstadt allgemein

Der kreidebunte Freitag. Eine kurze Nachschrift zur Berlin Biennale in Eisenhüttenstadt.

by Ben

Forget Fear Eisenhüttenstadt

Forget Fear Eisenhüttenstadt / Plakat zum Ereignis in der Straße der Republik

Einen Tag nach dem Besuchstag der Berlin Biennale in Eisenhüttenstadt wird man –  sofern man als irgendwie Mitwirkender bekannt ist und auf der Straße erkannt wird – zwangsläufig angesprochen, wie man die Veranstaltung bewertet, nun da alles vorbei ist und bis auf wilde Kreidespuren auf dem Trottoir, ein paar Poster und zwei derangierte Pflanzen eines Nebenprojektes die Räumlichkeit in der Straße der Republik wieder so still liegt, wie man sie kennt.

Dann steht man als plötzliche lokale Halb-Celebrity (so etwas geschieht viel zu schnell in einer Stadt wie dieser) mit jemand Fremdem an der Ecke und überlegt und fischt nach einer eindeutigen Antwort. Aber so richtig findet sich kein Haken und folglich auch keine Einschätzung in zwei Sätzen, die griffig genug wäre, um zu überzeugen.

Möglicherweise erweist sich genau dies als – durchaus auch produktiv zu verstehender – Kern des Filterprojektes: Berlin Biennale und Planstadt über den eingeschlagenen Weg auf einen Begriff zu bringen, begreifbar und sogar nur angreifbar zu machen, ist fast unmöglich.  Die Straßenkreide in den Händen der Berliner und Eisenhüttenstädter Kinder zieht sich als metaphorische Outline um das Dahinschraffierte aus Idee und Umsetzung.

„[..] Die Idee ist, aktiv zu handeln und zu versuchen, die Bürger zu verstehen, ihre jeweiligen Bedürfnisse und die Situation in der Stadt. Was könnte das den Bürgern bringen – falls es überhaupt etwas bringt? Und inwiefern werden die Berliner Akteure gezwungen sein, ihre eigene Rolle als Institutionen zu überdenken?”

Bedauerlicherweise muss sich vor allem die Biennale als Institution selbst an dieser Stelle in ihrem Rollenverständnis überdenken. Denn offensichtlich ist es schon mühsam genug, überhaupt Berliner Kunstinstitutionen dazu zu bewegen, sich auf Eisenhüttenstadt als Filterort einzulassen.

Am Ende blieben zwei – das Berliner Künstlerprogramm des DAAD und me Collectors Room / Stiftung Olbricht – die sich, forget fear, auf diesen Versuch einließen. Die Arbeiten und Aktivitäten allgemein zu beurteilen steht mir an dieser Stelle nicht zu, war ich doch selbst Teil dieses Institutionen-Rollen-Spiels und zwar als Fotograf im Sichtwechsel-Projekt.

Aus einer persönlichen Perspektive kann ich jedoch notieren, dass in vielerlei Hinsicht eine Perspektivenverschiebung und eine Erweiterung des Blickfelds mit diesem Projekt einhergingen. Und auch das: Sowohl die Eisenhüttenstädter wie auch die Berliner Kooperationspartner ermöglichten es im Verbund mit der – möglicherweise dann doch natürlichen und normalen – Freude und Neugier der Kinder, dass die Kunstobjekte und ihre stadträumliche Inszenierung auf ihre Weise den Dialog anregten, den man sich als Veranstalter nur wünschen konnte. Obendrein deutete das Projekt an, was alles möglich ist.

Genau darin liegt denn auch die Herausforderung einer Einschätzung im Straßengespräch: Man sieht, was möglich ist, man weiß, was man sich generell erhoffte und man hat das Resultat vorliegen und muss diese drei Ebenen aufeinander abstimmen.

Aus meiner befangenen Sicht auf das Ganze bleibt mir die so diplomatisch anmutende wie ehrliche Zusammenfassung, dass es fantastisch ist, dass es passierte und dass ich mir zugleich wünschte, dass mehr passiert wäre. Nämlich, dass man vor allem die Stadt als Raum und als soziales Konstrukt stärker in Bezug genommen hätte und dass die Menschen in dieser Stadt aktiver in die filternde Konfrontation mit dem Ansatz getreten wären.

Mir ist aber bewusst, dass mein Wünschen nur einen kleinen, ein wenig wortreichen Satz in einer hochkomplexen Gemengelage von Erwartungen und Bereitschaften und daher nur einen Nebenaspekt im Gefüge der Berlin Biennale in Eisenhüttenstadt darstellen kann. Ich gehe dennoch mit sehr veränderten Bildern, unbedingt bewahrenswerten Eindrücken und zauberhaften Erinnerungen (und Kontakten) aus diesen Wochen. Und ich wünsche trotzdem weiter.

Und zwar, dass man es wieder versucht und wieder versucht und wieder versucht, damit eines sommerlichen Freitages (oder auch zu einem anderen Termin) entgegen aller Skepsis eventuell doch gelingt, was mir Artur Zmijewski im Gespräch vor dem bröckelnden Lunik als seine Motivation hinter dem Schritt nach Eisenhüttenstadt offenbarte: Dass Impulse gesetzt werden, die positiv-konstruktive Nachwirkungen haben und vielleicht auf lange Sicht als Attraktionsmomente für eine Stadt wie diese wirken können.

Ein bisschen Leben umflorte in jedem Fall die sonst weitgehend vergessene Ecke zwischen der Leere des Zentralen Platz, der Hauptstraße, dem zerfledderten Hotel und dem leerstehenden Gewerberaum. Zugleich wurde Eisenhüttenstadt an diesem Freitag unwiderruflich Schauplatz und Begegnungsort eines Teils der internationalen zeitgenössischen Kunst. Das gab es so seit dem Kongress der Futurologen nicht mehr. Ob es sich dabei um eine Wiederholung des oder um einen Kontrapunkt zum Tom-Hanks-Effekt handelt, ist nicht so leicht zu beantworten. Lieber wäre mir allerdings, dass es Ausgangspunkt einer künstlerisch-kulturellen Traditionslinie in der künftigen Stadtgeschichte Eisenhüttenstadts sein könnte.

Gefiltert durch Eisenhüttenstadt

Kunstfilter der Welt – kommt in diese Stadt! Ein Nebeneffekt der Begegnung zwischen den Berliner und den Eisenhüttenstädter Kindern war, dass die hiesigen lernten, wofür 65 hinter dem Namen der dortigen steht, wenn er unter die Auslage getaggt wird.  Das lokale Äquivalent wäre übrigens 1220. Auch in anderer Form schlug der Nachmittag einige Funken metropolitane Weltläufigkeit in die ansonsten etwas verschlafene Atmosphäre dieses Ortes. Uneingeschränkt traurig ist man allerdings, dass es wirklich nur ein paar Stunden waren und nun schon wieder alles vorbei ist. Die Alltagsweisheit lehrt jedoch, dass es genau dieser Effekt ist, der den schönen Dingen des Lebens nun mal anhaftet, ja diese geradezu über die Vergänglichkeit definiert sind. Persönlich traurig bin ich angesichts der Tatsache, dass mir die Sichtwechsel-Figuren Louis Luba, Pauline und Franzi, Memento Moritz und besonders Lisa/Michi nicht mehr als Begleitung zum Beispiel beim Schreiben mitternächtlicher Blogtexte zur Verfügung stehen. Was mich tröstet: Es werden andere Paulinen, Franzis, Michis usw. kommen. Vielleicht auch wieder, um in Eisenhüttenstadt inszeniert zu werden.

(bk / 16.06.2012)

Der Forget Fear Freitag: Das Programm zum 15.06.

by Ben

Auch wenn es in der Biennale-Dependance in der Eisenhüttenstädter Straße der Republik im letzten Monat etwas stiller zuging, als mancher erwartete, bedeutet das nicht, dass es zu keiner Perspektiven filternden Auseinandersetzung mit der Stadt kam. Vielmehr wurde Eisenhüttenstadt beispielsweise in dieser Tagen so umfänglich durchfotografiert, wie schon lange nicht mehr. Die lichtbildnerische Gesamtauseinandersetzung der sich wandelnden Stadt ist freilich ein Dauerprojekt. Und irgendwie, so fühlt es sich jedenfalls an, ein expandierendes.

Es ist dabei nicht unwahrscheinlich, dass sich in dem wahrnehmbar wachsenden Interesse an der Stadt genau das spiegelt, was auch die Berlin Biennale veranlasste, sich selbst auf diesen Ort zu projizieren. Am kommenden Freitag wird man auch darüber diskutieren können. Denn dann werden die entsprechenden Akteure vor Ort sein und das reziproke Filtern zu einem vorläufigen Klimax bringen. Und wie man die Welt und ihren Lauf so kennt, ist auch dies nur einer von zahllosen Markern auf dem Zeitstrahl der Eisenhüttenstadt-Geschichte, die sich bereits ankündigen. Und überhaupt: Irgendeine Zukunft kommt ja immer. Und: Wie auch immer die Gegenwart ausfällt (oder stattfindet), eines sollte man aus der Präsenz auch dieses Filter-Projektes als dauergültige Maxime behalten: Vergiss die Furcht. Und – dies zuerst – komm vorbei.

Nachfolgend der Ablaufplan zum Freitagnachmittag.

Filter 15.06.

Die Autos sind weiß in Eisenhüttenstadt, die Bäume sind grün, der Himmel ist (im Bild leider nicht erkennbar) blau. Und so ähnlich wird es auch am Freitag sein. Woran es noch fehlt im Revier, sind die Menschen. Aber da wir in jedem Fall die beiden äußerst agilen Schulklassen des Sichtwechsel-Projektes und mindestens ein halbes Dutzend weltgewandte KünstlerInnen aufeinandertreffen lassen, dürfte eine grundlegende Eigendynamik garantiert sein. Alles Weitere wird sich zeigen. In jedem Fall sind wir vollkommen furchtlos und bester Dinge.

15.06.2012, ab 16 Uhr
GEFILTERT DURCH EISENHÜTTENSTADT
Straße der Republik 37, 15890 Eisenhüttenstadt

Die 7. Berlin Biennale präsentiert Gefiltert durch Eisenhüttenstadt in Zusammenarbeit mit dem Berliner Künstlerprogramm/DAAD und me Collectors Room Berlin/Stiftung Olbricht. In den vergangenen Wochen hat das Berliner Künstlerprogramm/DAAD eine Satelliten-Residency in Eisenhüttenstadt eingerichtet während der me Collectors Room Berlin/Stiftung Olbricht das Projekt Sichtwechsel initiiert hat.

Beide Projekte werden am Freitag, 15.06.2012 ab 16 Uhr in Eisenhüttenstadt vorgestellt:

16 Uhr

me Collectors Room Berlin/Stiftung Olbricht: Sichtwechsel Buchpräsentation des Schüleraustauschprojekts Sichtwechsel der Gustav-Falke-Grundschule, Berlin und der Schönfließer Grundschule, Eisenhüttenstadt.

Die SchülerInnen der Eisenhüttenstädter Schönfließer Grundschule und der Berliner Gustav-Falke-Grundschule haben sich über besondere Orte und wundersame Kunstobjekte in ihrer Stadt ausgetauscht. Die SchülerInnen, die sich bisher nur über Steckbriefe und Postkarten kennengelernt haben begegnen sich bei der Veranstaltung zum ersten Mal persönlich.

17 Uhr

Berliner Künstlerprogramm/DAAD: Satelliten-Residency in Eisenhüttenstadt Präsentation von Werken und Konzepten im Zusammenhang mit der Satelliten-Residency des Berliner Künstlerprogramms in Eisenhüttenstadt. Mit Beiträgen von: Bani Abidi, Jennifer Bornstein, Theo Eshetu, Erik Lindner, Yutaka Makino und Mona Vătămanu / Florin Tudor.

In Zusammenarbeit mit der 7. Berlin Biennale hat das Berliner Künstlerprogramm seit Mai 2012 eine Satelliten-Künstlerresidenz in Eisenhüttenstadt eingerichtet – bestehend aus einer Wohnung und einem Arbeitsraum, der auch als
Veranstaltungsort genutzt werden kann. Die aktuellen internationalen Gäste des Berliner Künstlerprogramms sowie mehrere ehemalige Gäste sind eingeladen, einige Zeit in Eisenhüttenstadt zu leben und zu arbeiten. Den Künstlern steht es frei, die Stadt als Rückzugsort zu nutzen, sich mit der Architektur der sozialistischen Planstadt um das Stahlwerk zu beschäftigen oder das Oderland zu erkunden.

Weitere Informationen zu Gefiltert durch Eisenhüttenstadt finden Sie hier.
http://www.berlinbiennale.de/blog/projekte/gefiltert-durch-eisenhuttenstadt-22947

Das Projekt wird unterstützt von der Stahlstiftung Eisenhüttenstadt und der Eisenhüttenstädter Gebäudewirtschaft GmbH.

15.06.2012, from 4 pm
FILTERED BY EISENHÜTTENSTADT
Straße der Republik 37, 15890 Eisenhüttenstadt

The 7th Berlin Biennale presents Filtered by Eisenhüttenstadt in cooperation with Artists-In-Berlin-Program/DAAD and me Collectors Room Berlin/Olbricht Foundation. During the last weeks the Artists-In-Berlin-Program/DAAD set up a
Satellite Residency in Eisenhüttenstadt while me Collectors Room Berlin/Olbricht Foundation initiated the project Change of Perspective. Both projects will be introduced in Eisenhüttenstadt on Friday, June 15, 2012 from 4 pm on.

4 pm
me Collectors Room Berlin/Olbricht Foundation: Change of Perspective Book presentation of the student exchange project Change of Perspective of the primary schools Gustav-Falke-Grundschule, Berlin and Schönfließer Grundschule,
Eisenhüttenstadt.

The students from Gustav Falke School in Berlin exchange views with students from Schönfliesser School in Eisenhüttenstadt on remarkable places and noteworthy pieces of art in their respective cities. On the occasion of this
event the students who so far only had contact through letters meet in person for the very first time.

5 pm

Artists-In-Berlin-Program/DAAD: Satellite Residency in Eisenhüttenstadt Presentation of works and concepts on the occasion of the Satellite Residency by the Artists-In-Berlin-Program in Eisenhüttenstadt. With contributions by: Bani
Abidi, Jennifer Bornstein, Theo Eshetu, Erik Lindner, Yutaka Makino, and Mona Vătămanu/Florin Tudor.

Together with the 7th Berlin Biennale the Artists-in-Berlin-Program established a Satellite Residency in Eisenhüttenstadt since May 2012—consisting of an apartment and a studio, which can also be used as an event space. Current international guests as well as past guests of the program are invited to live and work in Eisenhüttenstadt for some time. The artists are free to use the city as place of retreat, deal with the architecture of the socialist model city
around the steelwork or to explore the landscape of Oderland.

Please find further information on Filtered by Eisenhüttenstadt here.
http://www.berlinbiennale.de/blog/en/projects/filtered-by-eisenhuttenstadt-22968

Supported by Stahlstiftung Eisenhüttenstadt and Eisenhüttenstädter Gebäudewirtschaft GmbH.

Das Schaufenster

by Ben

Das Schaufenster

Das Schaufenster (Straße der Republik 37, Foto: bk, 13.05.2012)

Das Poster

by Ben

Forget Fear - Poster in der Straße der Republik / Eisenhüttenstadt

Forget Fear – Poster in der Straße der Republik / Eisenhüttenstadt (Foto: bk, Mai 2012)

Die 7. Berlin Biennale, gefiltert durch Eisenhüttenstadt

by forgetfear

Die 7. Berlin Biennale findet nicht nur in Berlin statt. Einer Idee des Kurators Artur Żmijewski folgend nimmt sie sich Eisenhüttenstadt als Filterfolie und wird dort mindestens zwei Projekte initiieren, die eine temporäre Brücke zwischen der ostbrandenburgischen Planstadt mit all ihren Ambivalenzen und der Metropole Berlin – ebenfalls mit allen Ambivalenzen – schlagen sollen.

Im Projekt Satellite-Residency werden sich KünstlerInnen mit unterschiedlichen Wirkungshintergründen mit Eisenhüttenstadt konfrontieren und vor Ort arbeiten.

Im Projekt Sichtwechsel des me Collectors Room bzw. der Stiftung Olbricht werden zwei Grundschulen – die Schönfließer Grundschule in Eisenhüttenstadt und die Gustav-Falke-Schule im Berliner Bezirk Wedding – über Kunstobjekte in einen Dialog treten.

Während letzteres Projekt bereits angelaufen ist, beginnt die satellitäre Durchdringung von Stadt und Kunst am 09.05.2012. Was dabei geschieht, wird sich programmgemäß erst nach und nach zeigen. Die Rolle dieses Weblogs ist in diesem kleinen Informationstext beschrieben. Über die mögliche Rolle der Menschen in Eisenhüttenstadt wird in diesem Blogposting im Eisenhüttenstadt-Blog nachgedacht. Aktionen wie diese setzen auf Reflexion, Rückkopplung und also Dialog. Dies soll im realen Stadtraum in der Satelliten-Dependance in der Straße der Republik, in diesem Weblog oder auch auf der Facebook-Seite des Eisenhüttenstadt-Blogs geschehen. Weiteres folgt.

Forget Fear - gefiltert durch Eisenhüttenstadt

Forget Fear – gefiltert durch Eisenhüttenstadt (Figur des Projektes “Sichtwechsel” vor dem Biennale Flyer)

Eisenhüttenstadt, 08.05.2012 (bk)