Bildnern und Zeichnen. Paweł Althamer lädt zur Illustration Eisenhüttenstädter Lebenswelten.

by Ben

Es gibt schon wundersame Wendungen und wer glaubte, mit der Präsentation am 15.Juni seien hinsichtlich der Berlin Biennale in Eisenhüttenstadt schon alle Fotos geschossen, alle Poster gehängt (und abgenommen) und alle Linien gezeichnet, der findet seine Annahmen im Biennale-Lokal in der Straße der Republik pünktlich zum Beginn der brandenburgischen Sommerferien 2012 gründlich widerlegt.

So geballt schlug das Kunstschaffen hier noch nicht in so kurzer Frist ein und auch wenn die Einheimischen fast reflexartig erst auf Abwehr und dann im Gespräch in den Erklärmodus “So etwas interessiert hier doch keinen. Da werden Sie mit ihrer schönen Aktion kein Glück haben.” schalten, um kurz darauf zum Kohlestift zu greifen und ihr Scherflein Zeichenkultur in den Raum stellen, so gibt es nirgends einen Anlass für Bangigkeit. Die Eisenhüttenstädter sind schüchtern, aber in Behandlung. Und zwar in der des Draftsmen’s Congress von Paweł Althamer und seinem Team. Statt Forget Fear muss das Motto eher Forget Shyness sein. Und ist der Schatten einmal übersprungen/so ist auch gleich ein Bild gelungen.

So könnte man mit sich im Reimen sein. Allein an ausuferndem Zuspruch fehlt es noch ein wenig, was jedoch auch daran liegt, dass noch niemand in Eisenhüttenstadt so recht davon weiß, dass und wie und warum ihn Pinsel, Farbe, Buntstift erwarten und dass es sich bei dem faszinierenden Grüppchen im Zeichenraum am Lunik eben nicht um eine geschlossene Gesellschaft sondern um denkbar offenherzige Künstler und mehr noch Kunstvermittler handelt.

Die nutzten auch gleich zwei nieselige Nachmittagsstunden im  Brunnenring zu der ungezwungenen Demonstration, dass die Venus von Urbino nicht auf den Sperrmüll gehört (natürlich nicht), aber ein beliebiger Spermüllhaufen sich problemlos in eine Venus (von Eisenhüttenstadt) verwandeln lässt.

Wenn polnisch sprechende Menschen in weißen Kitteln in Ostbrandenburg Stücke aus dem Dielenmöbelprogramm Modell Eberswalde Typ 2 A umarrangieren, sind ihnen auf jeden Fall die Zuwendung der Neugier und manchmal auch einiger nachfragend gemeinter Worte gewiss. Womit schon einiges erreicht ist und einige erreicht sind.

Komm Zeichnen

Die Liebe im Zeichen der Zeichenkunst. Wer so herzlich einlädt, gehört reichlich besucht. Und wer die Dispatcher-Kultur im stahlharten Metallurgenärmel derart sympathisch zu paradiesischen Umständen umschüttelt, der kam ganz sicher zeichnen, um der Stadt eines dieser Zeichen zu geben, die man dringend braucht, um nicht irgendwann trotz aller Mühe mit gebrochenen Erzen dahin zu siechen.

Die Erkenntnis des Tages lautet zudem, dass es in der Eisenhüttenstadt des Jahres 2012 zwar mit dem Englischen kaum ein Blumentopf (flowerpot) zu bekommen ist, bestimmte Generationen aber tatsächlich mühelos in geschmeidiges Russisch (цветочный горшок) überwechseln können. Internationale Künstleraustausch- bzw. -kooperationsprogramme in Eisenhüttenstadt konzentrieren sich also möglicherweise angesichts der hier noch gepflegten Lingua Franca am besten direkt nach Osteuropa. Derzeit muss man aber gar nicht soviel in die Zukunft planen, denn die Gegenwart ist ein praller Beutel Farbe und Ideen, der, auf die Sand- und Kiefernbank der stillen Eisenhüttenstadt aufgelaufen, nun langsam Einiges in diese hineintropfen lässt. Allein bereits der eigens zur Veranstaltung vom ikonographisch das stadtgeschichtliche Selbstverständnis prägenden Womacka-Mosaik inspirierte Handzettel verspricht fruchtbare Tage und die Mehr-als-Ferienspiele in der Straße der Republik stehen jedem, der mag, von ca. 12 bis 17 Uhr offen. Weitere freundlich intervenierende Expansionen in den Stadtraum sind nicht auszuschließen.

Making of Venus von Eisenhüttenstadt

Es mag ja ZeitgenossInnen geben, die hinter einer bestimmten Neigung, nämlich der, in jedem Sperrmüllberg der Stadt einen potentiellen Venushügel zu sehen, etwas Bedenkliches vermuten. Wer aber der Formgebungsbrigade um Paweł Althamer dabei zusieht, wie sie aus einem geordneten Stapel Furnier und Teppich ein gefallenes Mädchen entstehen lässt, der lernt auf einmal derartige Fantasien hoch zu schätzen. Und erkennt, dass man gar nicht so sehr raffinierte Technik, ein gut situiertes Umfeld oder ein Hundertschaft Intellektueller benötigt, um etwas Einzigartiges und einzigartig Schönes zu schaffen. Sondern hauptsächlich Mut zur Kombinatorik im Vorhandenen. Insofern ist die kleine Nachmittagsschau auch ein Vorführung, wie man vermeintlich verkrampfte Städte à la Eisenhüttenstadt über leichte Interventionen aufzulockern vermag: Mit (de-)(re-)konstruktiver Unbefangenheit. Der Draftsmen’s Congress bzw. Kongress der Zeichner ermöglicht den Einwohnern der Stadt (und ihren Besuchern) nun einige Tage die Erprobung solch unverkrampften Schöpfens. Was daraus entsteht, weiß noch niemand. Aber es könnte durchaus auch gestandenen Männern gefallen. Und allen anderen sowieso.

(Text/Bilder: bk, 20.06.2012)

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