Der kreidebunte Freitag. Eine kurze Nachschrift zur Berlin Biennale in Eisenhüttenstadt.

by Ben

Forget Fear Eisenhüttenstadt

Forget Fear Eisenhüttenstadt / Plakat zum Ereignis in der Straße der Republik

Einen Tag nach dem Besuchstag der Berlin Biennale in Eisenhüttenstadt wird man –  sofern man als irgendwie Mitwirkender bekannt ist und auf der Straße erkannt wird – zwangsläufig angesprochen, wie man die Veranstaltung bewertet, nun da alles vorbei ist und bis auf wilde Kreidespuren auf dem Trottoir, ein paar Poster und zwei derangierte Pflanzen eines Nebenprojektes die Räumlichkeit in der Straße der Republik wieder so still liegt, wie man sie kennt.

Dann steht man als plötzliche lokale Halb-Celebrity (so etwas geschieht viel zu schnell in einer Stadt wie dieser) mit jemand Fremdem an der Ecke und überlegt und fischt nach einer eindeutigen Antwort. Aber so richtig findet sich kein Haken und folglich auch keine Einschätzung in zwei Sätzen, die griffig genug wäre, um zu überzeugen.

Möglicherweise erweist sich genau dies als – durchaus auch produktiv zu verstehender – Kern des Filterprojektes: Berlin Biennale und Planstadt über den eingeschlagenen Weg auf einen Begriff zu bringen, begreifbar und sogar nur angreifbar zu machen, ist fast unmöglich.  Die Straßenkreide in den Händen der Berliner und Eisenhüttenstädter Kinder zieht sich als metaphorische Outline um das Dahinschraffierte aus Idee und Umsetzung.

„[..] Die Idee ist, aktiv zu handeln und zu versuchen, die Bürger zu verstehen, ihre jeweiligen Bedürfnisse und die Situation in der Stadt. Was könnte das den Bürgern bringen – falls es überhaupt etwas bringt? Und inwiefern werden die Berliner Akteure gezwungen sein, ihre eigene Rolle als Institutionen zu überdenken?”

Bedauerlicherweise muss sich vor allem die Biennale als Institution selbst an dieser Stelle in ihrem Rollenverständnis überdenken. Denn offensichtlich ist es schon mühsam genug, überhaupt Berliner Kunstinstitutionen dazu zu bewegen, sich auf Eisenhüttenstadt als Filterort einzulassen.

Am Ende blieben zwei – das Berliner Künstlerprogramm des DAAD und me Collectors Room / Stiftung Olbricht – die sich, forget fear, auf diesen Versuch einließen. Die Arbeiten und Aktivitäten allgemein zu beurteilen steht mir an dieser Stelle nicht zu, war ich doch selbst Teil dieses Institutionen-Rollen-Spiels und zwar als Fotograf im Sichtwechsel-Projekt.

Aus einer persönlichen Perspektive kann ich jedoch notieren, dass in vielerlei Hinsicht eine Perspektivenverschiebung und eine Erweiterung des Blickfelds mit diesem Projekt einhergingen. Und auch das: Sowohl die Eisenhüttenstädter wie auch die Berliner Kooperationspartner ermöglichten es im Verbund mit der – möglicherweise dann doch natürlichen und normalen – Freude und Neugier der Kinder, dass die Kunstobjekte und ihre stadträumliche Inszenierung auf ihre Weise den Dialog anregten, den man sich als Veranstalter nur wünschen konnte. Obendrein deutete das Projekt an, was alles möglich ist.

Genau darin liegt denn auch die Herausforderung einer Einschätzung im Straßengespräch: Man sieht, was möglich ist, man weiß, was man sich generell erhoffte und man hat das Resultat vorliegen und muss diese drei Ebenen aufeinander abstimmen.

Aus meiner befangenen Sicht auf das Ganze bleibt mir die so diplomatisch anmutende wie ehrliche Zusammenfassung, dass es fantastisch ist, dass es passierte und dass ich mir zugleich wünschte, dass mehr passiert wäre. Nämlich, dass man vor allem die Stadt als Raum und als soziales Konstrukt stärker in Bezug genommen hätte und dass die Menschen in dieser Stadt aktiver in die filternde Konfrontation mit dem Ansatz getreten wären.

Mir ist aber bewusst, dass mein Wünschen nur einen kleinen, ein wenig wortreichen Satz in einer hochkomplexen Gemengelage von Erwartungen und Bereitschaften und daher nur einen Nebenaspekt im Gefüge der Berlin Biennale in Eisenhüttenstadt darstellen kann. Ich gehe dennoch mit sehr veränderten Bildern, unbedingt bewahrenswerten Eindrücken und zauberhaften Erinnerungen (und Kontakten) aus diesen Wochen. Und ich wünsche trotzdem weiter.

Und zwar, dass man es wieder versucht und wieder versucht und wieder versucht, damit eines sommerlichen Freitages (oder auch zu einem anderen Termin) entgegen aller Skepsis eventuell doch gelingt, was mir Artur Zmijewski im Gespräch vor dem bröckelnden Lunik als seine Motivation hinter dem Schritt nach Eisenhüttenstadt offenbarte: Dass Impulse gesetzt werden, die positiv-konstruktive Nachwirkungen haben und vielleicht auf lange Sicht als Attraktionsmomente für eine Stadt wie diese wirken können.

Ein bisschen Leben umflorte in jedem Fall die sonst weitgehend vergessene Ecke zwischen der Leere des Zentralen Platz, der Hauptstraße, dem zerfledderten Hotel und dem leerstehenden Gewerberaum. Zugleich wurde Eisenhüttenstadt an diesem Freitag unwiderruflich Schauplatz und Begegnungsort eines Teils der internationalen zeitgenössischen Kunst. Das gab es so seit dem Kongress der Futurologen nicht mehr. Ob es sich dabei um eine Wiederholung des oder um einen Kontrapunkt zum Tom-Hanks-Effekt handelt, ist nicht so leicht zu beantworten. Lieber wäre mir allerdings, dass es Ausgangspunkt einer künstlerisch-kulturellen Traditionslinie in der künftigen Stadtgeschichte Eisenhüttenstadts sein könnte.

Gefiltert durch Eisenhüttenstadt

Kunstfilter der Welt – kommt in diese Stadt! Ein Nebeneffekt der Begegnung zwischen den Berliner und den Eisenhüttenstädter Kindern war, dass die hiesigen lernten, wofür 65 hinter dem Namen der dortigen steht, wenn er unter die Auslage getaggt wird.  Das lokale Äquivalent wäre übrigens 1220. Auch in anderer Form schlug der Nachmittag einige Funken metropolitane Weltläufigkeit in die ansonsten etwas verschlafene Atmosphäre dieses Ortes. Uneingeschränkt traurig ist man allerdings, dass es wirklich nur ein paar Stunden waren und nun schon wieder alles vorbei ist. Die Alltagsweisheit lehrt jedoch, dass es genau dieser Effekt ist, der den schönen Dingen des Lebens nun mal anhaftet, ja diese geradezu über die Vergänglichkeit definiert sind. Persönlich traurig bin ich angesichts der Tatsache, dass mir die Sichtwechsel-Figuren Louis Luba, Pauline und Franzi, Memento Moritz und besonders Lisa/Michi nicht mehr als Begleitung zum Beispiel beim Schreiben mitternächtlicher Blogtexte zur Verfügung stehen. Was mich tröstet: Es werden andere Paulinen, Franzis, Michis usw. kommen. Vielleicht auch wieder, um in Eisenhüttenstadt inszeniert zu werden.

(bk / 16.06.2012)

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