Fast wie eine Postkarte aus Berlin: Eine Notiz zu Nada Prljas Peace Wall in der Friedrichstraße

by Ben

Heute war es dann endlich soweit und dieses Weblog erhielt seinen ersten Zugriff vom afrikanischen Kontinent. Damit sind wir kontinental-global vollerschlossen. Blicken wir auf die Ländertabelle, hat unsere Karte freilich noch genug weiße Flecken. (Wo sind die Zugriffe aus Uruguay? Wer ruft die Seite aus dem Jemen auf?) Vielleicht bringen wir zum Abschluss des Blogs einmal eine ausführlichere Auswertung. Lieber würden wir allerdings die Aufmerksamkeit anhand von Postkarten visualisieren, die uns für das Projekt der Playlist der Erinnerung an Eisenhüttenstadt erreichten. Wenn nur jeder zweite Aufruf der Projektbeschreibung eine Karte nach sich zöge, hätten wir schon einen komplettes Samstagnacht-Diskotheker-Set zusammen. Bislang jedoch reicht es höchstens für das Vorglühen. Obschon die Zustellung der Sendungen offensichtlich postalisch funktioniert, traf jedenfalls diese Woche noch kein neues Listenmaterial ein. Geduld bleibt zwangsläufig das Gebot der Stunde.

In der Zwischenzeit richten wir den Blick eben auf etwas anderes. Beispielsweise auf die Peace Wall, die die Künstlerin Nada Prlja in die Friedrichstraße stellte und zwar dort, wo man schon ein halbes Dutzend Kreuzungen von der Lagerfeld-Couture entfernt ganz nah an der Arbeitsagentur Mitte zu KiK gehen kann. Und wo die Männer statt einer Polopferdchen-Applikation unverblümte Botschaften à la “Blowjob is better than no Job” auf ihren Trikots zur Schau stellen. Und zwar in Neongrün auf Schwarz. (Leider wirklich so gesehen.) Direkt am Besselpark, in dem die soziale Durchmischung in der Mittelzone der Gesellschaft eigentlich gut funktioniert, da sich dort die hemdsärmelige Journalisten aus den naheliegenden Zeitungsredaktionen genauso zur Mittagspause treffen, wo auch T-Shirtliche Pfandsammler, gut gelaunte Anwohner gern auch mal ohne Oberbekleidung und Sommerkleid umhüllte Mitarbeiterinnen der Arbeitsagentur im Schatten halbhoher Bäume mit dem wenigstens beim heutigen Wetter selben Bedürfnis zusammenfinden: ins Freie ja, aber bitte mit Schatten. Die mittlerweile fast auch ein bisschen Unfriedenswand zu nennende Installation eignet sich dagegen kaum als Sonnenschutz. Da wir aber ein Foto haben, sehen wir immerhin die Eignung zur Dokumentation:

Peace Wall

Stop in the Name of Art. Zweifellos ist das Versperren einer Straße unweit des Checkpoint Charlie mit einer nicht allzu aufwendigen Mauer neben aller Gentrifizierungskritik auch etwas Vorschlaghammerartiges. Und selbstverständlich ist es Unsinn, zu behaupten, dass es sich beim sozialen Gefälle diesen Teil der Friedrichstraße hinunter um eine „unsichtbare Teilung” handelt. Der Cut ist vielmehr höchst augenfällig, sofern man offenen Auges die Strecke abschreitet. Bereits die Architektur manifestiert, dass hier eine Art stadträumliche Grenze überquert werden kann. Nun hat man mit Stoppschild und ironischerweise zur schicken Seite hin stilsicherer Schwarzwand (von der Südseite glänzt die Wand in grauem Favelawellblech) noch einmal einen Balken in die Wahrnehmung gesetzt, der die Situation in eine Unignorierbarkeit auch für die blindesten Passanten überhöht. Das Ergebnis ist naturgemäß weder ästhetisch subtil noch in der Idee sonderlich raffiniert und auch nicht an sich subversiv. Als Störung allerdings ist es hochwirksam, wie nicht zuletzt die Debatte in der Presse zeigt. Und die Kuratorin Joanna Warsza brachte es ja im Vorabinterview mit der Zeitschrift Monopol auf die einfache Formel des Erwartbaren: “Unsere Biennale wird sicher viel Ärger und auch Wut auslösen.” Hier ist die Mission erfüllt. (Foto: bk / 22.05.2012)

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