Das Mädchen und das Gürteltier

by Ben

Gemeinhin kommt in Eisenhüttenstadt nicht in Kontakt zu Gürteltieren. In St. George’s, das selbst in seiner großzügigsten Bevölkerungserhebung nur unwesentlich mehr Einwohner als der diesjährige Filterort der Berlin Biennale zählt, dafür aber immerhin Hauptstadt ist und zwar von Grenada, kann es einem durchaus über den Weg laufen. Und zwar auf den Hinterbeinen und also vor allem im Landeswappen der kleinen Antillenrepublik.

Da solche heraldischen Elemente nicht nach Gusto sondern durchaus mit konkretem Bezug auf und um die Schilder gesetzt werden, ist halbwegs anzunehmen, dass das Schildplatttier auf der kleinen Insel auch tatsächlich vorkommt. Bevor man sich einem solchen aber im Zweifelsfall zu nah nähert, sollte man eine Studie aus dem letzten Jahr zur Kenntnis nehmen, die über die Rolle der Tiere als Zoonosenherd spekuliert. Die Krankheit um die es dabei geht ist keine geringere als die berühmt-berüchtigte Lepra. Was in jedem Fall gegen den Verzehr von Gürteltierfleisch spricht. Wem die lepröse Perspektive als Abschreckung nicht reicht, der sollte ruhig einmal in William S. Burroughs’ Kurzgeschichte Cross the Wounded Galaxies hineinlesen. Aber im Normalfall müsste man auf dieses schwere Geschütz verzichten können und in Eisenhüttenstadt gäbe es ohnehin keine Bezugsquelle für derart extravagante Fleischwaren.

Für die Eisenhüttenstädter Figur aus dem Sichtwechsel-Projekt, die heute in der Wunderkammer des me Collectors Room mit einem dort befindlichen Exemplar konfrontiert wurde, bestand aus einem anderen Grund keinerlei Gefahr: Die Bronzehaut des nachdenklichen Mädchens ist um einiges härter als sogar ein Gürteltierpanzer. Bevor wir sie den Kindern für die Berliner Tour in bzw. an die Hand geben, durchläuft sie dennoch eine Desinfektion, die sich gewaschen hat. Versprochen.

Das Mädchen und das Gürteltier

„Acht war ein Gürteltier nebst Gurt…” . Wir wissen nicht, ob wir der Figur tatsächlich die Assoziation zu Christian Morgensterns Galgenlied vom Nachtschelm und dem Siebenschwein zuschreiben sollten. Wir sehen aber auch wenig was dagegen spricht. Denn dieses achte Kind eben von Nachtschelm und Siebenschwein entspross laut Bericht einer so kinderreichen wie glücklichen Ehe. Und vielleicht fragt sich Lisa, das nachdenkliche Mädchen (wie es von den Kindern der Schönfließer Grundschule benamst wurde) auch, wo jetzt Schluchtenhund, Rabenmaus, Schneck und Käuzelein (und der Gurt) stecken. In jedem Fall dürfte Lisa, was bei jungen Mädchen nicht unüblich ist, darauf hoffen, dass sich das Gürtelviech nicht in sie verknallen oder gar mit Blumen beschenken wird. Denn sie fürchtet, dass die einzige Blume, die so ein Tier zu geben hat, nichts anderes ist als eben eine Gürtelrose. Auch wenn es lieb gemeint ist und von Herzen kommt: Niemand hört gern was von Zoster Cordiales. Der hier natürlich genauso wenig im Raum steht, wie die Frage, ob es sich bei dem Gegenüber nicht vielleicht doch um einen Leprador-Retriever handelt. Aber Lisa lebt halt in ihrer eigenen Welt. Und das Gürteltier auch. Womöglich verliebt sich das schuppige Ding deshalb tatsächlich gerade quer über Head & Shoulders. (Foto: Charlotte Esser/me Collectors Room)

(bk, 18.05.2012)

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