Nebenprojekt: The Bloom in the System / Das Blühen im System

by Ben

Vorbemerkung:

Veranstaltungen wie die Berlin Biennale und selbstverständlich auch Kunst an sich sind Phänomene der Kommunikation. Kunst wird in dieser Form zum Möglichkeitsraum eines Dialogs, einer Verständigung und auch selbstverständlich auch zur Gefahr eines Missverstehens gerade durch Aussprechen und -deuten.

In der Möglichkeit steht grundsätzlich die Frage, vielleicht sogar die Pflicht zum Hinterfragen. Zugleich erschließt sich Sinn nur durch Annahme, durch Affirmation und Bejahung.

Das nachfolgend skizzierte Nebenprojekt stellt eine Auseinandersetzung mit einem solchen Spannungsverhältnis dar. Die Basisnote ist denkbar schlicht: Samenkörnchen, etwas Erde, ein Gefäß, ein Kännchen Wasser. Die ganze Stadt Eisenhüttenstadt ist in diesen Monaten erfüllt von Pflanzaktivitäten. Zugleich findet sich hinter – gefühlt – jedem Fenster eine wuchernde Grünpflanze, die zugleich als Brücke und Grenze zwischen den Innen- und den Freiräumen der Stadt wirkt. Die Grundidee korrespondiert demnach mit dem vielleicht selbstverständlichsten Element der lokalen Alltagskultur.

Die Kopfnote ist eine Idee. Auf einer Metaebene erwächst im Wechselspiel von Basis und Idee als neue Frage, was in diesem Wechselspiel von einem einfachst möglichem Grund und der mit jeder Überlegung komplexer werdenden Bedeutung möglich wird, was denkbar und was sichtbar wird, in welchem Verhältnis Sichtbar- und Denkbarkeit stehen können und wo und wie sich in diesem Prozess Übergänge und Trennlinien wie von selbst ergeben.

Was auch gezeigt wird: Man benötigt nicht viel, um in dieses unabschließbare Spiel der Bedeutungen einzusteigen. Außer der Bereitschaft, sich darauf einzulassen.

(bk, Eisenhüttenstadt, 13.05.2012)

……………………………….The Bloom in the System / Das Blühen im System……………………………….

An einer Stelle in David Foster Wallace‘ erstem Roman „The Broom in the System“ findet sich die titelgebende Besen-Passage, mit der der Autor durch die Frage nach der Möglichkeit von Bedeutung fegte:

„…that, to repeat what I heard for years and years and suspect you’ve been hearing over and over, yourself, something’s meaning is nothing more or less than its function. Et cetera et cetera et cetera. Has she done the thing with the broom with you? No? What does she use now? No. What she did with me–I must have been eight, or twelve, who remembers–was to sit me down in the kitchen and take a straw broom and start furiously sweeping the floor, and she asked me which part of the broom was more elemental, more fundamental, in my opinion, the bristles or the handle. The bristles or the handle. And I hemmed and hawed, and she swept more and more violently, and I got nervous, and finally when I said I supposed the bristles, because you could after a fashion sweep without the handle, by just holding on to the bristles, but couldn’t sweep with just the handle, she tackled me, and knocked me out of my chair, and yelled into my ear something like, ’Aha, that’s because you want to sweep with the broom, isn’t it? It’s because of what you want the broom for, isn’t it?’ Et cetera. And that if what we wanted a broom for was to break windows, then the handle was clearly the fundamental essence of the broom, and she illustrated with the kitchen window, and a crowd of the domestics gathered; but that if we wanted the broom to sweep with, see for example the broken glass, sweep sweep, the bristles were the thing’s essence. No? What now, then? With pencils? No matter. Meaning as fundamentalness. Fundamentalness as use. Meaning as use. Meaning as fundamentalness.”

In einem floralen Mikro-Projekt wird die darin enthaltene pragmatische Grundidee aufgegriffen und die Frage „The bristles or the handle?“ neu gestellt. Diesmal ist sie statt auf Besen auf Blumen bezogen. Und statt auf Handlungszweck und Nutzen auf Wahrnehmung und Bewertung: Was ist das Essentielle einer Blume: Die Blüte oder der Sprossachse? (the blossom or the stem?) Beziehungsweise abstrakter: das farbenfrohe Leuchten oder der eher monochrome Weg, der dieses hervorbringt? Was fokussieren wir, wenn wir das Werk betrachten und was, wenn wir die Werkerzeugung in den Blick nehmen?

Da die möglichen Antworten von der jeweiligen Perspektivität geprägt werden, verfolgt das Projekt den denkbar zurückhaltend konzentrierten Ansatz, am lebenden Beispiel einen solchen Gedankengang über die Metaebene auch der Bewertung von Kunst, Werk, Werken und Wirkung anzuregen.

1)      Begleitend zur Laufzeit der Berlin Biennale wird also in der Zweigstelle in Eisenhüttenstadt in der Straße der Republik 37 eine Sonnenblume heranwachsen und hoffentlich erblühen. Am 12.05. wurde der Kern gesteckt.

2)      Zusätzlich wurden und werden weitere Sonnenblumenkerne im Stadtraum als Zeichen dafür verteilt, dass sich Bedeutung, wenn ihr ein Raum einmal eröffnet wurde, nur schwer kontrollieren lässt. Damit verbunden steht die Frage, unter welchen Bedingungen sich Bedeutungen durchsetzen bzw. überleben.

3)      Als Gegenpol zur Einzelbedeutung steht eine Staude weißblühender Island-Mohn (Papaver nudicaule) bereits in Blüte im Raum der Zweigstelle. In ihrer wuchernden Fülle kontrastiert sie die (hoffentlich) geradlinig zur Blüte strebende Sonnenblume. Sie steht für das, was bereits vorliegt und was dabei stetigen Transformationen unterworfen ist, sie drückt  das Nebeneinander von Er- und Verblühen aus. Die aus der Präsenz des Mohns (und seiner Blütenfarbe) ableitbare Assoziationskorona erweist sich zudem als unendlich. Jedenfalls, wenn man für sich annimmt: „[…] wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis […]“.

+ „Es ist Zeit.“

a)

Die einzelnen Teile

die einzelnen Teile

b)

Die Erde

die Erde

c)

Das Gefäß

das Gefäß

d)

Die Auswahl

die Auswahl

e)

Der Samen

der Samen

f)

Das Wasser

das Wasser

e)

Der Raum

der Raum

f)

Der Mohn

die Mohnblüte

Advertisements