Forget Fear / Filtered by Eisenhüttenstadt

Weblog zu den Aktivitäten der 7. Berlin Biennale 2012 in Eisenhüttenstadt

Month: May, 2012

Feldstudien in Eisenhüttenstadt: Der erste Fototag des Sichtwechsel-Projekts.

by Ben

Wer heute am Vormittag im Nordwesten der Eisenhüttenstadt unterwegs war, sah eventuell in Richtung Gartenfließ und Neuzeller Straße junge Menschen im Gras liegen und bei genauerem Hinsehen in ihren Händen zahllose Fotokameras und bei noch genauerer Betrachtung der Szenerie  zwei hölzerne Objekte, aus die sich eben diese Kameras und jungen Menschen teilweise fast weltvergessen konzentrierten.

Morgen wird sich dies nach aller Planung wiederholen, denn diese Wochenhälfte steht vollumfänglich im Zeichen des Sichtwechsel-Projektes der Eisenhüttenstadt-gefilterten Berlin Biennale. Dieses Zeichen ist übrigens ein kräftig-leuchtendes Plus, denn positiver als die heutigen Rundgänge können solche Touren gar nicht verlaufen. Louis Luba und Memento Moritz erfreuen sich auf ihren Eisenhüttenstadttouren höchster Aufmerksamkeit und zugleich größter Sorgfalt, begegnen sowohl der einheimische Vogelwelt (Enten am Gartenfließ), der bronzenen bzw. steinernden Plastizität der Kunst im Stadtraum, regionalem Journalismus (mitsamt der fröhlich-freundlichen Praktikantin Lisa), dem rosigen Blütenreich des frisch gemähten Rosenhügels und schließlich sogar der lokalen Fußballplatzkultur mit einem denkbar netten Platzwart. All diese Entdeckungen wurden von den SchülerInnen der Schönfließer Grundschule eifrig im Lichtbild festgehalten und da wir mit dem Chaperonieren der beiden Leihgaben aus der Wunderkammer des Berliner me Collectors Room erwartungsgemäß kaum ausgelastet waren, bot sich die Gelegenheit, die ungebremste Freude an der Entdeckung per Fotografie selbst spiegelreflexiv zu dokumentieren. Und damit im Prinzip ganz gleich gestimmt zu handeln.

Viel mehr folgt demnächst. Heute gibt es vorerst nachfolgende Bilder als unmittelbaren Eindruck:

Sichtwechsel Eisenhüttenstadt - Tag 1

Sichtwechsel Eisenhüttenstadt – Tag 1 / Fotos: bk

Monster und Bären. Das Sichtwechselmädchen trifft Selim Varols Spielzeugkorps.

by Ben

Lisa, das nachdenkliche Mädchen aus dem Sichtwechsel-Projekt, erkundet übrigens derweil noch nicht so richtig den Berliner Stadtraum aber durchaus intensiv seine temporäre Berliner Wohnstatt.

Und nachdem es jüngst zu einer faszinierenden Begegnung mit einem Gürteltier kam, stieß es gleich hinter der nächsten Tür dieser Wunderkammerwelt des me Collectors Room auf die nächste Überraschung. Getreu dem Motto der am Samstag zur Eröffnung anstehenden Ausstellung mit Spielzeugobjekten aus der Sammlung von Selim Varol heißt es für Lisa in ihrer derzeitigen Heimat: At Home I’m a Tourist.

Dabei hat unsere durchsetzungsstarke Figur aus Eisenhüttenstadt, so jedenfalls deuten es die Bilder, die uns erreichten, an, bei ihrer aktuellen Erkundung gleich die gesamte Sammlung hinter sich gebracht. Ob daraus eine kleine wilde Weltrevolution folgt oder nur eine zarte Zeit des Zaubers, wissen wir noch nicht.

Lisa und die Monster

Lisa leaderlich. Sie weiß aber anscheinend selbst nicht recht, was sie mit der wunderbunten Monsterstreitmacht im Rücken anstellen soll. Wir hoffen selbstredend auf etwas monströs Schönes und werden mal am Open Saturday der ART & TOYS-Eröffnung nachsehen gehen.

Lisa und die Bären

Die Bären sind los. Und wenn sie dabei so diszipliniert in Reih und Glied aufpostiert stehen, wirkt es fast ein wenig unheimlich. Aber auch hier vertrauen wir auf die Fähigkeiten des Führungsmädchens und gehen einfach mal davon aus, dass sie diese  zuckersüße Streitmacht der Honigschnuten bis zur Vernissage, auf der einige DJs aufspielen werden, vor allem zu einem abrichtet: zum Tanzbärendienst.

(Fotos: Charlotte Esser / me Collectors Room)

Blütenstand 22.05.2012

by Ben

Noch am Abend zeigte die Temperaturanzeige in der Lindenallee von Eisenhüttenstadt satte 32 Grad, ein paar Tauben badeten fröhlich im ansonsten unbevölkerten Sprudelbecken vor dem Schokoladenladen, irgendwo wartete eine Bürgermeisterin an der Ampel und über dem Zentralen Platz lag eine wüstenluftige Glocke, die aus den Rabatten mit den Stiefmütterchen kleine, mit buntstiftlassen Trockenblättern garnierte Steppenstreifen macht. Auch der Island-Mohn des Projektes Das Blühen im System im Biennale-Lokal lässt die Blätter ziemlich erschöpft hängen, aber da er heute einer Mineralwasserdusche mit Chateldon 1650 erfuhr, blüht wenigstens die Hoffnung auf ein Durchhalten bzw. ein sonnenkönigliches Wiedererblühen .

Die Sonnenblume bleibt dagegen stabil auf Wachstumskurs und ist mit konzentriertem Blick nun auch bereits durch die Schaufensterscheibe erahnbar.  Nachfolgend nun die Bilddokumente des Tages:

Blütenstand The Bloom in the System 22.05.2012

Blütenstand The Bloom in the System 22.05.2012

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Blütenstand The Bloom in the System 22.05.2012

Blütenstand The Bloom in the System 22.05.2012

(bk / Mai 2012)

Fast wie eine Postkarte aus Berlin: Eine Notiz zu Nada Prljas Peace Wall in der Friedrichstraße

by Ben

Heute war es dann endlich soweit und dieses Weblog erhielt seinen ersten Zugriff vom afrikanischen Kontinent. Damit sind wir kontinental-global vollerschlossen. Blicken wir auf die Ländertabelle, hat unsere Karte freilich noch genug weiße Flecken. (Wo sind die Zugriffe aus Uruguay? Wer ruft die Seite aus dem Jemen auf?) Vielleicht bringen wir zum Abschluss des Blogs einmal eine ausführlichere Auswertung. Lieber würden wir allerdings die Aufmerksamkeit anhand von Postkarten visualisieren, die uns für das Projekt der Playlist der Erinnerung an Eisenhüttenstadt erreichten. Wenn nur jeder zweite Aufruf der Projektbeschreibung eine Karte nach sich zöge, hätten wir schon einen komplettes Samstagnacht-Diskotheker-Set zusammen. Bislang jedoch reicht es höchstens für das Vorglühen. Obschon die Zustellung der Sendungen offensichtlich postalisch funktioniert, traf jedenfalls diese Woche noch kein neues Listenmaterial ein. Geduld bleibt zwangsläufig das Gebot der Stunde.

In der Zwischenzeit richten wir den Blick eben auf etwas anderes. Beispielsweise auf die Peace Wall, die die Künstlerin Nada Prlja in die Friedrichstraße stellte und zwar dort, wo man schon ein halbes Dutzend Kreuzungen von der Lagerfeld-Couture entfernt ganz nah an der Arbeitsagentur Mitte zu KiK gehen kann. Und wo die Männer statt einer Polopferdchen-Applikation unverblümte Botschaften à la “Blowjob is better than no Job” auf ihren Trikots zur Schau stellen. Und zwar in Neongrün auf Schwarz. (Leider wirklich so gesehen.) Direkt am Besselpark, in dem die soziale Durchmischung in der Mittelzone der Gesellschaft eigentlich gut funktioniert, da sich dort die hemdsärmelige Journalisten aus den naheliegenden Zeitungsredaktionen genauso zur Mittagspause treffen, wo auch T-Shirtliche Pfandsammler, gut gelaunte Anwohner gern auch mal ohne Oberbekleidung und Sommerkleid umhüllte Mitarbeiterinnen der Arbeitsagentur im Schatten halbhoher Bäume mit dem wenigstens beim heutigen Wetter selben Bedürfnis zusammenfinden: ins Freie ja, aber bitte mit Schatten. Die mittlerweile fast auch ein bisschen Unfriedenswand zu nennende Installation eignet sich dagegen kaum als Sonnenschutz. Da wir aber ein Foto haben, sehen wir immerhin die Eignung zur Dokumentation:

Peace Wall

Stop in the Name of Art. Zweifellos ist das Versperren einer Straße unweit des Checkpoint Charlie mit einer nicht allzu aufwendigen Mauer neben aller Gentrifizierungskritik auch etwas Vorschlaghammerartiges. Und selbstverständlich ist es Unsinn, zu behaupten, dass es sich beim sozialen Gefälle diesen Teil der Friedrichstraße hinunter um eine „unsichtbare Teilung” handelt. Der Cut ist vielmehr höchst augenfällig, sofern man offenen Auges die Strecke abschreitet. Bereits die Architektur manifestiert, dass hier eine Art stadträumliche Grenze überquert werden kann. Nun hat man mit Stoppschild und ironischerweise zur schicken Seite hin stilsicherer Schwarzwand (von der Südseite glänzt die Wand in grauem Favelawellblech) noch einmal einen Balken in die Wahrnehmung gesetzt, der die Situation in eine Unignorierbarkeit auch für die blindesten Passanten überhöht. Das Ergebnis ist naturgemäß weder ästhetisch subtil noch in der Idee sonderlich raffiniert und auch nicht an sich subversiv. Als Störung allerdings ist es hochwirksam, wie nicht zuletzt die Debatte in der Presse zeigt. Und die Kuratorin Joanna Warsza brachte es ja im Vorabinterview mit der Zeitschrift Monopol auf die einfache Formel des Erwartbaren: “Unsere Biennale wird sicher viel Ärger und auch Wut auslösen.” Hier ist die Mission erfüllt. (Foto: bk / 22.05.2012)

Die Raupen im Programm

by Ben

Mitunter fügt sich die Welt gar zu eigenartig. So schrieb ich jüngst davon, die Blütenkammer im Eisenhüttenstädter Biennale-Lokal in der Straße der Republik mit Schmetterlingen nicht bewusst anzureichern, da dies erstens schwierig, zweitens nicht sehr tierfreundlich und drittens zu aufgesetzt im Bezug auf Damien Hirst und diese Arbeit erschiene. Freiwillig zufliegende Schmetterlinge würden allerdings selbstredend geduldet, auch wenn bei den Pflanzen im Raum derzeit eher wenige Blütenstäubchen zu holen wären.

Nicht überlegt hatte ich mir den Umgang mit Raupen und daher war ich leicht gefordert, als sich am Samstag und am Sonntag jeweils eine solche in dem einen Fall un- und in dem anderen doch sehr auffällig in meinen Blick raupte.

Auf den Diehloer Bergen (hier eine Perspektive von der Höhe) nahe der Sprungschanze schlich sich ein Exemplar erst auf die Kameratasche und dann während eines Telefonats sogar in selbige, so dass es mehr oder minder gezwungenermaßen in fotooptischer Umgebung übernachtete.

Und kaum war es zurück in die Natur gesetzt, fand sich nach einer Schussfahrt durch die Straße der Republik ein noch beeindruckenderes Exemplar zunächst auf der Frontscheibe, später kurz auf meinem lokalen Arbeitstisch und schließlich, wie leicht an plötzlich überbordender Agilität ersichtlich wurde, begeistert auf einer lokalen Brennnesselpflanze.

Trotz also aller Bemühungen der Tierchen, sich in die Biennale einzuschleichen, schied die Option, mit ihnen in The Bloom in the System doch noch eine Art In and Out of Love anzuhirsten, vor allem aus futterpflanzlichen Gründen aus. Was mich aber durchaus nicht kalt lässt, ist die Tatsache, dass das Lepidopteroversum anscheinend dieses Weblog liest und somit mich in der Weise unterstützt, wie es ihm halt möglich ist.

Selbstverständlich muss man darauf achten, dass man bei der Interpretation der Zeichen und Symbole auf den Wege in dieser Stadt nicht zu weit geht. Wenn der Anspruch aber lautet, mit dem zu arbeiten, was einem der Aufenthalt in Eisenhüttenstadt Tag für Tag zuspielt, dann komme ich um diese Begegnungen schlicht nicht herum.

Die Raupe am Samstag

Die Raupe am Samstag: Klein und auf einem Gartenbild vom Nachmittag abgelegt suchte das winzige Wesen nicht den Salat sondern eine Orientierung. Die gab es aber erst am nächsten Tag getreu dem klassischen Motto des Zurück zur Natur.

Die Raupe am Sonntag

Die Raupe am Sonntag und das auch noch furchtlos an der Kante. Die Haarigkeit (hier auf einem Gartenbild vom Sonntag) in Kombination mit der raupentypischen Bewegung lässt dem Betrachter durchaus etwas Frühsommerliches ins Herz wehen. Und erkennen, wie eine andere Welt jenseits seiner Welt unglaublich differenziert und austariert ist.

(bk, 20.05.2012 / Fotos: bk)

Das nachdenkliche Mädchen als Polaroid

by Ben

Das nachdenkliche Mädchen / Polaroid

Bevor wir mit den am Sichtwechsel-Projekt beteiligten Kindern Tourfotos aufnehmen gehen, haben wir uns selbstverständlich selbst bereits intensiv mit den Figuren beschäftigt. Und unter anderem diese Polaroid-Fotografie der Mädchen-Plastik von Gerhard Thieme angefertigt. (Foto: bk / Mai 2012)

Das Mädchen und das Gürteltier

by Ben

Gemeinhin kommt in Eisenhüttenstadt nicht in Kontakt zu Gürteltieren. In St. George’s, das selbst in seiner großzügigsten Bevölkerungserhebung nur unwesentlich mehr Einwohner als der diesjährige Filterort der Berlin Biennale zählt, dafür aber immerhin Hauptstadt ist und zwar von Grenada, kann es einem durchaus über den Weg laufen. Und zwar auf den Hinterbeinen und also vor allem im Landeswappen der kleinen Antillenrepublik.

Da solche heraldischen Elemente nicht nach Gusto sondern durchaus mit konkretem Bezug auf und um die Schilder gesetzt werden, ist halbwegs anzunehmen, dass das Schildplatttier auf der kleinen Insel auch tatsächlich vorkommt. Bevor man sich einem solchen aber im Zweifelsfall zu nah nähert, sollte man eine Studie aus dem letzten Jahr zur Kenntnis nehmen, die über die Rolle der Tiere als Zoonosenherd spekuliert. Die Krankheit um die es dabei geht ist keine geringere als die berühmt-berüchtigte Lepra. Was in jedem Fall gegen den Verzehr von Gürteltierfleisch spricht. Wem die lepröse Perspektive als Abschreckung nicht reicht, der sollte ruhig einmal in William S. Burroughs’ Kurzgeschichte Cross the Wounded Galaxies hineinlesen. Aber im Normalfall müsste man auf dieses schwere Geschütz verzichten können und in Eisenhüttenstadt gäbe es ohnehin keine Bezugsquelle für derart extravagante Fleischwaren.

Für die Eisenhüttenstädter Figur aus dem Sichtwechsel-Projekt, die heute in der Wunderkammer des me Collectors Room mit einem dort befindlichen Exemplar konfrontiert wurde, bestand aus einem anderen Grund keinerlei Gefahr: Die Bronzehaut des nachdenklichen Mädchens ist um einiges härter als sogar ein Gürteltierpanzer. Bevor wir sie den Kindern für die Berliner Tour in bzw. an die Hand geben, durchläuft sie dennoch eine Desinfektion, die sich gewaschen hat. Versprochen.

Das Mädchen und das Gürteltier

„Acht war ein Gürteltier nebst Gurt…” . Wir wissen nicht, ob wir der Figur tatsächlich die Assoziation zu Christian Morgensterns Galgenlied vom Nachtschelm und dem Siebenschwein zuschreiben sollten. Wir sehen aber auch wenig was dagegen spricht. Denn dieses achte Kind eben von Nachtschelm und Siebenschwein entspross laut Bericht einer so kinderreichen wie glücklichen Ehe. Und vielleicht fragt sich Lisa, das nachdenkliche Mädchen (wie es von den Kindern der Schönfließer Grundschule benamst wurde) auch, wo jetzt Schluchtenhund, Rabenmaus, Schneck und Käuzelein (und der Gurt) stecken. In jedem Fall dürfte Lisa, was bei jungen Mädchen nicht unüblich ist, darauf hoffen, dass sich das Gürtelviech nicht in sie verknallen oder gar mit Blumen beschenken wird. Denn sie fürchtet, dass die einzige Blume, die so ein Tier zu geben hat, nichts anderes ist als eben eine Gürtelrose. Auch wenn es lieb gemeint ist und von Herzen kommt: Niemand hört gern was von Zoster Cordiales. Der hier natürlich genauso wenig im Raum steht, wie die Frage, ob es sich bei dem Gegenüber nicht vielleicht doch um einen Leprador-Retriever handelt. Aber Lisa lebt halt in ihrer eigenen Welt. Und das Gürteltier auch. Womöglich verliebt sich das schuppige Ding deshalb tatsächlich gerade quer über Head & Shoulders. (Foto: Charlotte Esser/me Collectors Room)

(bk, 18.05.2012)

Blütenstand 18. Mai 2012

by Ben

Blütenstand 18.Mai 2012

Blütenstand 18.Mai 2012 / Das Blühen im System

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Blütenstand 18.Mai 2012

Blütenstand 18.Mai 2012

(Fotos: bk)

Über Stalker und die Rewindabilty des Lebens

by Ben

Dass das Lokal der Berlin Biennale in Eisenhüttenstadt vor allem als Zone bzw. Zona der Möglichkeiten aufscheint, in der es irgendwo wo einen Raum gibt, in dem etwas Fantastisches mit der eigenen Innerlichkeit geschehen kann, nämlich dass man plötzlich mehr irgendwie als irgendwo vor einer Машина желаний steht, deren Zahnrädchen und Kurbelwellen aber nur in einem selbst in Bewegung gesetzt werden können, bedeutet nicht, dass es nicht generell beobachtet wird. Ob diese Beobachter nun gleich Geoff Dyer folgen, wenn dieser in seinem Tarkovsky-Buch mit dem treffend traumwandlerischen Titel Zona: A Book About a Film About a Journey to a Room (New York: 2012) schreibt

„in any magical realm there is always some deeper recess or chamber of more powerful magic” (S.76)

hängt ganz davon ab, ob sie bereit sind die Prämisse zu akzeptieren, die sich im Raum von The Bloom in the System klein und grün bzw. üppig und weiß entfaltet.

Die beiden mittelalten Herren des heutigen Nachmittags schauten jedenfalls mit großer Spannung durch die  staubtrübe Schaufensterscheibe und nach dem ich mich fotografisch als hochinteressierter Stalker ausgelebt hatte (sh. nachfolgende Aufnahme) wollte ich mich gern auch als ein im Tarkovsky’scher Stalker verdingen. Allerdings wandten sich die Herren zunächst einmal vom Fenster zur Straße und damit etwas ab.

Dennoch entstand ein kurzes Gespräch, wobei ihr Hauptinteresse der Frage galt, aus welchem Jahr das den Pflanzen zur Seite gestellte Polaroid (hier rechts im Bild) stammt, das den Bezug der Stadtwahrnehmung im Sinne einer Auseinandersetzung
– mit dem permanenten Werden (Sofortbild vom Mai 2012, die Stadt beobachtende Kinder) bei
– gleichzeitig präsentem Verlust (buchstäblich das letzte Polaroid-Foto aus Originalproduktion, das ich noch hatte),
– Scheitern (der unbebaute Zentrale Platz) und
– Vergehen (das verfallende Gebäude des ehemaligen Hotel Lunik)
herstellen soll.

Und passend zu dieser so gut wie ausgestorbenen Form der Fotografie meinten sie, nachdem sie die Antwort erfuhren, dass ihnen ein viel älteres Datum plausibler erschienen wäre. Nun denn, so ist es auch gut und mit einem freundlichen Adé nahmen sie ihr Grillgut vom benachbarten Imbiss und ich nahm meine Kamera für die Suche nach einer roten Mohnblume, dieser magischen Blüte der tiefen frühen Sommer, und unsere Wege gabelten sich.

The Bloom in the System / Betrachter

The Bloom in the System und ihr Betrachter. Die Sonnenblume leistet Tag für Tag Millimeterarbeit, aber es wird wohl noch eine Woche dauern, bis sie den Rand ihres Topfes überblickt. Der Island-Mohn steht derweil in kräftiger Blüte und hat auch noch eine Handvoll Knospen für die nächsten Tage.

In Addition zum bisherigen Bestand findet sich seit heute an der Rückwand dieses Raum 2 eine weitere Botschaft, deren Bedeutung möglicherweise den Kern tatsächlich für ein “more powerful magic” birgt. Jedenfalls, wenn man der Prämisse folgt, dass das Magische immer auch ein magisches Denken ist, ein Ausgehen von einem Bedeutungsimpuls und einem offenen Erkunden all dessen, was daraus sich zu ergeben möglich ist. Wer es noch nicht ahnt, dem sei versichert, dass das  jedenfalls das Verfahren ist, mit dem ich mich durch die schöpferischen Augenblicke meiner Tage schaufle, grabe und labyrinthe.

rewind

„We can’t rewind..” – das wusste schon das Duo Buggles in ihrem Jahrhunderttitel „Video killed the Radio Star” zu berichten. Kommt die Aussage dann als Aper­çu vom Videokünstler (um nicht zu sagen Videokunststar) Nam June Paik, erhält sie noch zusätzliches Gewicht. Andererseits zeigt The Bloom in the System, dass das Leben an sich problemlos auf einen Rücklaufknopf verzichten kann. Dort wo es um reine Reproduktion geht, beispielsweise in der Welt der Sonnenblume, läuft erfahrungsgemäß alles wie von selbst in unermüdlichen Wiederholungsschleifen bis eines Tages die Maschine stottert, also die Umweltbedingungen eine Wiederholung nicht mehr hergeben. Dann rettet vielleicht die Variation. Vielleicht nichts. Die eigentlich spannende Dimension in unserem Zusammenhang liegt folglich nicht im biologischen, sondern im sinnhaften Leben. Denn erst wenn wir etwas individualisieren und mit Bedeutung versehen, kommt es auch darauf an, dass es vergeht. Was am Verlust schmerzt, ist das Verlieren des Einzigartigen, nicht das des Wiederholbaren. Dass etwas einzigartig ist, ergibt sich aus dem aus lange Sicht ziemlich sicheren Verlust. Auf dieser Ebene kann sogar eine Sonnenblume ganz einzigartig sein. Dass wir selbst früher oder später verloren gehen, ist der Preis dafür – nicht zu hoch, nicht zu gering, sondern schlicht unverhandelbar. Insofern ist die zitierte Aussage fast weniger ein Aper­çu als ein Verum. (Offen bleibt übrigens die Frage, weshalb wir, wenn wir schon wissen, dass es keinen Rewind-Knopf gibt, uns den Tag ganz gern mit Fast-Forward-Schaltflächen zu füllen suchen…)

(bk, 17.05.2012 / Fotos: bk)

Post aus dem Norden. Drei Dokumente des Sichtwechsel-Projektes.

by Ben

Ein deutlicher Unterschied zwischen dem Geschehen der Berlin Biennale in Berlin und ihrem Filter- und Satelliten-Ableger in Eisenhüttenstadt ist bereits durch die Art der Projekte vorgegeben. Sicher geht es hier wie dort um die Möglichkeit der Fragen, die Kunst an die Gesellschaft stellen kann.

Während aber die Berliner Aktionen durchaus konfrontative Elemente in das Kommunikationsangebot mischen, zeigen sich die Ereignisse in Eisenhüttenstadt bislang jedenfalls mit vergleichsweise deutlich reduzierterer Wucht und weitgehend sogar regelrecht sanftmütig. Ob das so bleibt, hängt auch davon ab, was die Satelliten-KünstlerInnen des DAAD hier erzeugen bzw. präsentieren. Von Artists in Residence über Artists in Resilience bis Artists in Resistance bietet die Konstellation ein weites Spektrum zum Dran-Abarbeiten.

Das Sichtwechsel-Projekt des me Collectors Room (in Kooperation mit dem Städtischen Museum Eisenhüttenstadt) setzt jedenfalls von Anfang an auf das Ziel maximaler und positiver Verständigung. Ein gegenseitiges Kennenlernen von Berliner und Eisenhüttenstädter Kindern über einen Kunst vermittelten Dialog ist dabei das Leitmotiv. Schulische Leit- und Rahmenpläne bilden dabei zwangsläufig die zeitliche Fassung des Projektverlaufs. Für die Berliner SchülerInnen der Gustav-Falke-Grundschule heißt das, dass sie bevor sie die Objekte aus Eisenhüttenstadt durch den Wedding führen, erst einmal eine länger geplante Klassenfahrt an die See absolvieren. Sowohl das Projekt wie auch ihre Partnerklasse an der Schönfließer Grundschule sind dabei trotzdem nicht aus der Welt, wie drei Schriftstücke aus der Frühlingsfrische der nordfriesischen Küste zeigen, die wir hier sehr gern dokumentieren:

Brief nach Eisenhüttenstadt

Aus dem Haus Klabautermann: Die Klasse 5a grüßt die Klasse 5a.

 

Postkarte aus St. Peter-Ording

Eine Ansichtskarte nach Eisenhüttenstadt. 

 

Postkarte Heuler

Eine weitere Ansichtskarte der 23 “Heuler” an ihre Partnerschule in Eisenhüttenstadt.